The Penguin: Episode 1 – „After Hours“

HBO / Warner Bros.

Der Pinguin hat in über 80 Jahren viel durchgemacht. Lange war er zunächst nur ein pummeliger Gauner mit Frack, Zylinder, Monokel und Regenschirm. Dann kam ein Vogeltick dazu. Und später auch die Grausamkeit. Schließlich eine traurige Vorgeschichte mit Mobbing in der Kindheit und einer alleinerziehenden Mutter. Tim Burton ließ in Batman Returns (1992) die Eltern das missgebildete Kind kurz nach der Geburt aussetzen, damit es – in der Tradition von Mowgli und Tarzan – von in der Kanalisation lebenden Pinguinen großgezogen wurde. Der schaurige, Ekel wie Mitleid erregende Danny DeVito prägte die Figur für die nächsten drei Jahrzehnte, was sich auch in den Comics bemerkbar machte.

Der nächste Filmpinguin hatte nicht mehr viel von den typischen Attributen. Kein Zylinder, kein Frack, kein Monokel, kein Regenschirm. Und auch kein Meisterverbrecher mit Vogeltick. Matt Reeves machte ihn in The Batman (2022) zu einem schmierigen Handlanger von Carmine Falcone. Und er besetzte ihn ausgerechnet mit Colin Farrell, der so gar nichts Pinguinhaftes hat, aber dafür mit viel Make-up in einen solchen verwandelt wurde, mit einem von Narben entstellten Gesicht. Und selbst von seinem Namen Oswald Chesterfield Cobblepot blieb nicht viel übrig als „Oz Cobb“. Doch gerade dadurch erschien die Figur nicht mehr als Karikatur, sondern wie ein glaubhafter Mensch. Oz fing ja gerade erst an, zum Pinguin zu werden.

Ein impulsiver Mörder

Nach dem Tod von Falcone war klar, dass Oz zum neuen Kingpin aufsteigen würe. Und davon handelt jetzt die HBO-Miniserie The Penguin, die eine Woche nach dem Film spielt. Gleich am Anfang erschießt er Carmine Falcones Sohn Alberto aus einem Wutausbruch heraus und muss dann zusehen, dass er die Leiche loswird, ohne damit in Verbindung gebracht zu werden. Das zieht den Verdacht von Schwester Sofia auf sich, die gerade aus Arkham entlassen wurde.

Gleichzeitig versucht Oz, ins Drogengeschäft einzusteigen, indem er eine neue Lieferung für Falcone abgreift, doch dann wird die Operation in Gotham von Underboss Johnny Vitti geschlossen. Ein Versuch, mit Salvatore Maroni ins Geschäft zu kommen, scheitert ebenfalls, weil dieser Oz für einen Verräter hält.

Pinguins Sidekick

Der Pinguin bekommt dafür Hilfe von unerwarteter Seite: Der Jugendliche Victor Aguilar wird, nachdem Oz ihn beim Reifenklauen erwischt, zu seinem Sidekick und Fahrer. Hier zeigt sich Cobbs menschliche Seite. Der kaltblütige Mörder kann auch nachsichtig sein und ist bereit, Leuten eine zweite Chance zu geben – auch wenn nicht unbedingt aus altruistischen Motiven heraus. Der Pinguin macht Victor zu seinem ersten Untergebenen, der alles tut, um zu überleben.

Und dann ist da die Mutter Francis. Oz kümmert sich um die psychisch kranke Frau, will sie schützen vor der nahenden Bedrohung seiner Gegner. Dieser Pinguin bleibt ein widersprüchlichlicher Charakter: einerseits intrigant und manipulativ, andererseits impulsiv und ein schlechter Lügner. Colin Farrel verleiht ihm sogar eine sympathische Note. Er lässt die Figur hinken, was wie ein Watscheln erscheint. Einmal darf er sogar einmal kurz einen Regenschirm tragen, um die Ikonographie (und Fans) zu bedienen. Und dann trägt er einen violetten Mantel und fährt einen pflaumenfarbenen Maserati – nicht gerade die unauffälligste Erscheinung, wenn man eine Leiche im Kofferraum hat.

Regisseur Craig Zobel (Westworld, The Leftovers, American Gods) bleibt stilistisch seinem Vorbild Matt Reeves treu, zeigt sein Gotham bei Tag aber auch mal von heller Seite, aber nur um kurz darauf wieder ein Mittagessen bei Kerzenlicht in Finsternis zu zeigen. Showrunnerin Lauren LeFranc (Marvel’s Agents of SHIELD) liefert ein Drehbuch, das seine Hauptfigur ernst nimmt und großes Interesse daran zeigt, diese tiefer zu erkunden. Die Filmwelt von The Batman wird dadurch bereichert. Dabei kommt auch ein gewisser ironischer Humor nicht zu kurz. Denn Oz ist trotz seiner eiskalten Berechnung ein irrender Charakter, der sich ungeschickt anstellt und auch Fehler macht.

Mit Interesse sieht man zu, wie der Gauner da wieder rauskommt, um der zu werden, der er sein soll.

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