Alle Macht dem Volke

Batman: Anarky

Titel: Anarky: Metamorphosis

Autor/Zeichner: Alan Grant/Norm Breyfogle

Erschienen: 1997 (Miniserie Anarky# 1-4), Paperback Anarky (1998), (dt. Batman Special #6, Dino, 1998)


„The city needs a new breed of hero. The night needs a new kind of monster.“ (Anarky)

„The future is freedom … and all I ever wanted was to hasten its birth.“ (Anarky)

„I only wanted to bring a little sanity into an insane world.“ (Anarky)

„Dein ganzes Leben ist eine Lüge“, heißt es gleich zu Beginn, während wir den Dämon Etrigan gegen irgendein anderes Monster namens ‚Blasfemy‘ kämpfen sehen. Am Anfang, in der Kindheit, so heißt es weiter, sei das Leben voller Hoffnung gewesen, dann seien die Politiker, die Priester und die Philosophen gekommen und hätten die Menschen mit ihren Lehren desillusioniert. „All eure Götter und Dämonen sind Ausgeburten des Unterbewusstseins. Sie sind nicht wirklich real.“

Was wir da lesen, sind die Gedanken von Anarky, eines Vigilanten im roten Gewand und Hut, sowie einer gelber Maske. Der Name ist Programm. Seinen ersten Auftritt hatte er in 1989. Damals – in Detective Comics #608-609 – trat er auf als Batman-Konkurrent, der drogendealende Rockstars und umweltverseuchende Industrielle mit seinem Elektroshock-Stab bestrafte und den US-amerikanischen Philosophen Scudder Klyce zitiert: „The voice of the people is the voice of god.“ Übers Fernsehen verkündete er seine Botschaft von der absoluten Freiheit des Individuums und der Notwendigkeit, die herrschende Ordnung zu beseitigen. Anarky versteht sich als der Missionar und Heilsbringer einer neuen Ordnung, ein neuer Held, der die alten Helden ersetzt.

Vier Vorlesungen in Philosophie

Nachdem Batman Anarky besiegte – und als den Jugendlichen Lonnie Machin entlarvte – kam der Unruhestifter in eine Besserungsanstalt, von wo aus er weiterhin Guerilla-Aktionen durchführte (Batman Chronicles #1). Später, als er auf Bewährung frei kam, holte er sich Hilfe bei einem Weltuntergangspropheten (Shadow of the Bat #40-41). Doch der wurde ihm zum Verhängnis, als er seine eigene Agenda durchzog, indem er versuchte, die Apokalypse zu beschleunigen. Anarky und Batman kamen dabei beide in Lebensgefahr – und Anarky starb bei der Rettung von Gotham. Jedenfalls augenscheinlich.

Im Jahr 1997 bekam der Charakter seine eigene vierteilige Miniserie. Anarky begegnet Etrigan und Darkseid, um der Frage nachzugehen, was das Böse sei. Der Reiz dieser Story besteht nicht so sehr in der Handlung, auch Batman spielt eine untergeordnete Rolle, sondern in den Ausführungen von Anarky. Lässt man die Bilder weg, kann man große Teile der einzelnen Kapitel auch als vier kleine Philosophie-Vorlesungen betrachten. Autor Alan Grant hat sogar jedem der vier Hefte eine kleine Lektüreliste beigestellt – für alle, die tiefer in die Materie einsteigen wollen.

Die Menschheit soll erwachen

Ein Bewusstsein hätten die Menschen erst vor 3000 Jahren entwickelt, so belehrt Anarky seinen Hund Yap (und damit auch seine Leser) auf einer Splash-Page. Doch nach einem kurzen Goldenen Zeitalter der Hochkulturen sei es damit vorbei gewesen: „Denken ist schwer. Es kostet Mühe. Die Menschen vermissten das unbeschwerte Leben, sie sehnten sich nach den verlorenen Stimmen zurück.“ So hätten Politiker, Priester und Philosophen die Lücke geschlossen. Im nächsten Teil geht es um das Menschenbild von Plato und Aristoteles. Während letzterer ein positives Anthropologie vertrat, hielt ersterer die Menschen für wild, wertlos und einer Führung bedürftig. Anarky selbst teilt Menschen in zwei Gruppen: Die Nützlichen und die Parasiten. Da letztere in der Mehrzahl sind und in ihrem bösen Trieb auf einen totalitären Staat zusteuern, will Anarky sie aufhalten. „Unvernunft lähmt das Bewusstsein“, sagt er schließlich im letzten Teil. Diese Tatsache hätten die Herrschenden immer missbraucht. Daher will Anarky die Menschheit mit rücksichtsloser Ehrlichkeit befreien.

Auch wenn Anarky ein Gegner für Batman ist, er ist kein Schurke; seine Motive sind edel: Er sieht das Unheil in der Welt größer werden und will es aufhalten, indem er die herrschende Elite stürzen und den Menschen ein reines Bewusstsein ohne Lügen schenken will. Dass er dabei die Menschen bevormundet, sieht er nicht. Deshalb gibt es Batman, der Anarky aufzuhalten versucht. Dass Anarky am Ende scheitert, relativiert auch seine steilen Thesen. Doch es ist interessant zu sehen, wie er scheitert: Die Ausmaße seines Plans werden in einem dystopischen Szenario durchgespielt. Nichts wird dadurch besser, sondern vieles sogar noch schlechter. Es gibt wohl wenige Superhelden-Comics, die so sehr zum Nachdenken anregen wie dieses. Autor Alan Grant und Zeichner Norm Breyfogle zeigen sich in dieser Mini-Serie in Bestform.

Die Geschichten von Anarky sind versammelt in einem Paperback, das 1998 erschienen ist (allerdings nicht auf deutsch). Eine achtteilige Anarky-Serie erschien 1999, wurde aber wegen des fehlenden Erfolges eingestellt.

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