Titel: From the DC Vault: Death in the Family: Robin Lives! (dt. Batman: Ein Todesfall in der Familie – Robin lebt!)
Autor/Zeichner: J.M. DeMatteis/Rick Leonardi
Erschienen: 2024 (Miniserie #1-4), Paperback 2025; dt. Panini 2025
„Whatever possessed him to bring a child into the Batman’s world?“
Was wäre, wenn Jason Todd den Angriff des Jokers überlebt hätte? Dann hätte es auf jeden Fall den Titel der Storyline A Death in the Family (1988) ad absurdum geführt – jedenfalls in dem Sinne der Bat-Family, denn es stirbt trotzdem noch Jasons Mutter. Ende 2023 öffnete DC seinen Tresor und brachte die alternative Version von Batman #428 heraus, die Jim Aparo gezeichnet hatte für den Fall, dass die Leser für Leben stimmten. DC ließ es sich noch einmal 4,99 Dollar kosten für im Grunde nur eine neue Seite („He’s alive!“), die allerdings bereits bekannt war, und ein paar alternative Panels bzw. Captions. Auf die Handlung des letzten Teils (Batman #429) nimmt die Änderung (leider) keinerlei Einfluss. (Man hätte hier nur ein paar Sprechblasen ändern müssen.)
Leute, so macht man Geld mit immer demselben Content! Aber das war nur der Anfang: Um es noch mehr auszureizen, folgte eine vierteilige Miniserie, die die alternative Zeitlinie fortsetzt.
Wiedergelesen: Tod in der Familie
In der Paperback-Ausgabe ist ebenfalls noch einmal das gesamte A Death in the Family (samt alternativer Batman #428) abgedruckt. Obwohl ich kein Fan davon bin, habe ich die Story bei der Gelegenheit noch einmal gelesen. Und ich finde immer noch, dass sie an zwei großen Defiziten krankt: Zunächst werden die zwei Handlungen durch zu viele unwahrscheinliche Zufälle miteinander verknüpft. Jason sucht seine wahre Mutter und zufällig treibt sich der Joker zur selben Zeit ebenfalls im Libanon UND in Äthiopien herum, um Geschäfte zu machen. Zum anderen ist das Finale einfach selbst für einen Batman-Comic zu bescheuert: Dass der Iran den Joker zum Botschafter ernennt toppt an Absurdität sogar Lex Luthor als US-Präsidenten. Vor allem lenkt das Finale bei den Vereinten Nationen von der Hauptsache ab: der Trauer um Jason.
Doch ich muss zugeben: Die Story hat auch ihre Qualitäten. Zum einen hat mich überrascht, wie viele ernsthafte Probleme unserer Welt darin zumindest angesprochen werden. Gleich zu Beginn nehmen Batman und Robin einen Kinderporno-Ring hoch. Auch wenn selbstverständlich Details ausgespart werden, ist das ziemlich heftig für einen solchen Comic. Später wird im Flüchtlingscamp auch die Hungerkatastrophe in Äthiopien dargestellt. Bruce Wayne nimmt sich vor, einen Scheck für die Nothilfe auszustellen und zu vergessen, was er hier gesehen hat. „I’m no different from anyone else“, stellt er resigniert fest. Auch sein Handeln hat Grenzen.
Umso schlimmer erscheint es, wenn der Joker später den Notleidenden die Medikamente raubt und durch Joker-Gas ersetzt – zynischer und böser kann man nicht sein. Der Joker selbst nennt sich ein Opfer der „Reagonomics“ – eine Anspielung auf den wirtschaftsliberalen Kurs, bei dem der Spitzensteuersatz gesenkt wurde, um die Wirtschaft anzukurbeln und so mehr Einnahmen zu generieren. (Was nur den Reichen genutzt hat.)
Schließlich wird sehr deutlich mit dem Ayatollah-Regime des Iran abgerechnet, das 1979 die Macht übernommen hatte. Iran befand sich von 1980 bis 1988 im Ersten Golfkrieg mit dem Irak. Von Juli 1988 an ließ das Regime Tausende politischer Gefangener ohne Urteil hinrichten. Durch die Figur des Joker wird das Regime geradezu lächerlich gemacht, nach dem Motto: Die sind sich für nichts zu schade. Allerdings ist das ziemlich plump und überhaupt schlecht recherchiert. So heißt es etwa mehrfach, dass im Libanon Farsi gesprochen wird. Farsi ist die persische Sprache, man spricht sie im Iran und auch in Afghanistan. Im Libanon spricht man überwiegend Arabisch. Ganz zum Schluss steigt der Joker in einen Helikopter mit „Arabern“, obwohl es eigentlich Perser sein müssten. Für die Amis scheint der Nahe Osten ein austauschbarer Haufen zu sein. Das sind Fehler, die man zumindest mal mit Fußnoten korrigieren könnte.
Visuelle Highlights
Dafür leistet Jim Aparo ganze Arbeit. Gerade in den dramatischsten Momenten sieht man, was für ein grandioser visueller Storyteller er ist: Als der Joker Robin erschlägt, sehen wir nur den ersten Schlag, dann folgen sechs schmale Panels, in denen er bloß mit der Brechstange ausholt und zuschlägt, zuerst mit der rechten Hand, dann mit beiden, zuletzt mit der rechten. Darunter folgt die Mutter, die kalt hinschaut, dann sich kummervoll abwendet und sich schließlich missmutig eine Zigarette anzündet. Als Batman durch die Trümmer geht und nach Robin sucht, wirkt er verloren, den Panels gehen die Worte aus. Und zum Schluss, als Bruce Wayne und Joker sich gegenüberstehen, folgen sechs schmale Panels mit je zwei identischen Bildern im Wechsel, um zu zeigen, dass Bruce das Lachen vergangen ist.
Robin lebt! (SPOILER!)
Aber kommen wir zur neuen Story: Robin lebt – und der Joker ist tot. Kein Spoiler, denn das erfahren wir schon auf Seite eins. Die Frage ist nur, wie es dazu kommt. Jason erholt sich schnell von seinem schweren Schädeltrauma und stürzt sich sofort wieder als Robin in die nächste Gefahr gegen Scarecrow und wird sogleich durch Angstgas retraumatisiert. Batman verbietet ihm draufhin, je wieder Robin zu sein und nötigt ihn, zur Therapie zu gehen – allerdings ist der Nutzen dieser fragwürdig, wenn er der Therapeutin (Saraswati Dev) nur die halbe Wahrheit erzählen darf. (Batman und Robin bleiben vorerst geheim.)
Batman geht derweil gegen Schurken wie Copperhead vor, der für einen Kinderhändler arbeitet, später gibt es ein Wiedersehen mit Mother Grimm, die Kinder manipuliert. All das lässt ihn sein eigenes Verhältnis zu Kindern hinterfragen: Wie konnte er überhaupt so fahrlässig sein, selbst welche in Gefahr zu bringen. Er fragt Nightwing (Dick Grayson) und der gesteht zu, ein gespaltenes Verhältnis zu seiner Vergangenheit und Rolle zu haben. Batman macht sich Vorwürfe.
Therapiert wird auch der Joker, aber nur kurz, denn dann bricht er aus Arkham aus. Jason spürt ihn auf, wird aber leicht vom Joker überwältigt. Statt ihn wieder zu verprügeln oder zu töten, demütigt er Jason, indem er ihn zu seinem Sidekick macht: Als Jokey, the Boy Lackey, soll er den Psychiater des Jokers (Dr. Stoner) umbringen. Jason weigert sich und am Ende, als der Joker davor steht, die ganze Stadt mit Fledermäusen in den Wahnsinn zu treiben, rächt sich Robin, indem er den Schurken erschießt.
ACHTUNG: SPOILER!
Batman ist zwar nicht erfreut, verzeiht ihm den Mord aber, da er ihn nicht vor Gericht bringen kann, ohne selbst aufzufliegen. Er legt den Mantel ab, Dick Grayson übernimmt, Jason Todd macht nach dem Studium Karriere in Arkham – und wird zum neuen Joker.
Story ohne großen Mehrwert
Hätte es diese Story gebraucht? Die Frage dürfte sich von selbst beantworten. Immerhin kamen wir über 30 Jahre gut ohne sie aus und zwischendurch wurde Jason Todd wiederbelebt und hat Karriere als mordender Anti-Joker Red Hood gemacht. Im Grunde sehen wir, was wir bereits gesehen haben: Batman macht sich so oder so Vorwürfe, hinterfragt das Konzept von Robin, will es begraben und schafft es nicht, weil Robins immer das Gegenteil dessen tun, was er verlangt.
Nach der Tracht Prügel seines Lebens wird der arme Jason also auch noch psychisch gequält und bekommt seine Rache. Warum er zum Joker wird, erklärt sich daraus nicht, muss es auch nicht, denn der Joker wird hier zu einer Art Fluch oder zumindest einer ansteckenden Idee, die sich jenseits der Person selbst verbreitet und Nachahmer findet. Nur hätte Jason hier mehr zu Wort kommen sollen. Es ist vielleicht nicht die beste Entscheidung, die Geschichte aus der Perspektive der Psychiaterin erzählen zu lassen.
Die ungeschliffenen Zeichnungen von Rick Leonardi brechen mit dem sauberen Stil von Jim Aparo. Sie verleihen der brutalen Story etwas Raues, wie etwa bei Klaus Janson und Bill Sienkiewicz, allerdings mit sehr konservativen Layouts und ohne erzählerische Innovationen. Zuweilen lassen es die Gesichter an Ausdruck vermissen. Wer sich für den Krakelstrich nicht erwärmen kann, für den ist dieser Comic eher nichts. Ansonsten ist er auch nur Jason-Todd-Fans empfohlen.
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Hallo Lukas und hab erneut Dank für diese überaus gelungene Review. Ich hatte mir schon mehrfach überlegt, mir dieses „Sequel“ zu holen, konnte mich aber nie für den „Krakelstrich“, wie du es so schön nennst, erwärmen. Die Idee, dass der Joker nicht bloß irgendein Mensch, sondern eine Art Virus, bzw. eine „ansteckende Idee“ sein könnte, ist ja alles andere als neu. Meines Wissens wurde dieses Konzept zuletzt verwurstet in der Entstehungsgeschichte des „The Batman who laughs“ im Dark Metall-Gedöns-Universum.
Mir war tatsächlich nicht bewusst, dass die Rahmenhandlung in „A Death in the family“ derart schlecht recherchiert ist. Wenn ich als Autor schon den Anspruch habe, meine Handlung in ein solches Umfeld zu verorten, dann sollte ich schon wissen, was ich da schreibe. Dass dies nicht passiert ist, ist sehr schade. Wäre ich AFD-Wähler, wäre mir das alles wohl auch herzlich egal, weil…sind ja eh alles nur Ausländer. Ich war damals ein pickeliges Landei und kaum (wenn überhaupt) volljährig, als ich die Geschichte zum ersten Mal las, auf deutsch damals versteht sich. Hätte ich das alles beim lesen, oder wenigstens Jahre später beim erneuten lesen besser wissen müssen? Mir sind die Dinge, die du hier ansprichst, jedenfalls auch nie aufgefallen und ich kam auch nie auf die Idee, irgendetwas davon zu hinterfragen. Wie war das noch gleich: „I’m no different from anyone else“. Du bringst mich noch richtig ins Grübeln hier, Lukas.
Ehrlicherweise war ich schon immer der Ansicht, dass die Story leider nur von ihrem tragischen Ende lebt. Nicht zu vergessen natürlich vom genialen Strich eines Jim Aparo in Höchstform. Doch die Handlung als solche habe zumindest ich bis heute nie so richtig vollständig auf dem Schirm, wenn ich an diese klassiche Geschichte denke. Hm. Blöd.
Lange Rede, kurzer Sinn: Vielen Dank für den Beitrag, ich werde mir dann wohl das Geld sparen, schätze ich 😉
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