Filmkritik: „Joker: Folie à Deux“

Warner Bros.

Der Joker erzählt keine Witze mehr. Lustig war er zwar noch nie, aber jetzt ist ihm sogar das zwanghafte Lachen fast vergangen. Er hat auch sonst nicht viel zu sagen. Nicht mal seiner Psychologin oder seiner Anwältin. Der Joker ist auch kein Joker mehr, er ist nur noch Arthur Fleck, ein Schatten seiner selbst, abgemagert und apathisch in einer Anstalt, die mehr nach schäbigstem Verlies als nach Psychiatrischer Anstalt aussieht. (War es in den 80ern oder 90ern jemals so schlimm?)

Doch dann tritt HarleenLee“ Quinzel in sein Leben, eine Patientin im Minimum-Sicherheitsflügel. Über die Musik finden sie zusammen, beim Singen findet Arthur seine Stimme und auch die Liebe wieder. Also wird das ganze American Songbook durchgesungen, das irgendeinen Clownsbezug hat, von „Get Happy“ bis „That’s Entertainment“. Kaum eine Gelegenheit wird ausgelassen. Ein Klavier ist auch nicht nötig, das fackelt man kurzerhand ab, um dann sich dann in Fantasien von gemeinsamen Bühnenauftritten zu flüchten.

ACHTUNG: SPOILER!

Dünne Handlung, gefüllt mit Songeinlagen

Es wird so viel gesungen, dass man darüber fast die Handlung vergisst. Es gibt eine, aber die ist so dünn, dass man sie eben mit Songs auffüllen muss, um auf fast zweieinhalb Stunden Länge zu kommen. Arthur kommt erneut vor Gericht, Staatsanwalt Harvey Dent hält ihn für zurechnungsfähig und will ihn wegen fünffachen Mordes hinrichten lassen. Seine Anwältin will Arthur eine gespaltene Persönlichkeit nachweisen: Der Joker war’s, nicht Arthur Fleck! Doch das ist mehr ein frommer Wunsch, denn die Beweise dafür sind nicht vorhanden.

Der Prozess wird zur Fernsehshow. Arthur selbst scheint sich am wenigsten um den Ausgang zu kümmern und warum sollten wir es dann tun? Spätestens wenn er sich selbst vertritt, in Clownsschminke, wird eine Farce daraus, die auf nichts hinausläuft. Immer noch ohne Ziel, Spannung oder Pointe. Am Ende steht nur die Einsicht des Helden: Es gibt keinen Joker, gab es nie, sondern nur den armen, traurigen Arthur Fleck. Das enttäuscht seine Fans – und auch sein größtes Fangirl, weshalb es sich – bereits zur Harley Quinn gewandelt – von ihm abwendet.

Zu viele Selbstzitate

Joker: Folie à Deux fühlt sich damit noch hohler an als der erste Teil. Regisseur und Co-Autor Todd Phillips entzieht die von links wie rechts beanspruchte Figur seinen Anhängern und bringt sie um, damit niemand sonst mehr Schindluder mit ihr treiben kann. Dabei tut er das selbst bereits genug. Er weiß nichts mit ihr anzufangen, er lässt sie passiv und unsympathisch erscheinen. Joaquin Phoenix gibt immer noch sein Bestes, aber auch er kann nicht viel ausrichten, wenn seine Figur nur noch ein Abklatsch seiner Paradevorstellung ist.

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In Selbstgefälligkeit zitiert sich Phillips ständig selbst, indem er ikonische Bilder aus dem ersten Teil reinszeniert, ähnlich wie sich schon der erste Teil bei Filme wie Taxi Driver und The King of Comedy bedient hat. Wieder sehen wir den Joker seine Tänze aufführen und andere Gesten wiederholen, wieder sehen wir alte Schauplätze wie die hohe Treppe und das Fernsehstudio – es ist eine einzige Revuenummer. Mit anderen Worten: Hier wird uns in alter kapitalistischer Recycling-Tradition dasselbe neu verpackt wiederverkauft.

Heath Ledger lässt grüßen

Lady Gagas Harley Quinn wird auf ein reines oberflächliches Fangirl reduziert. Ihre Stimme und ihre Bühnenperformance können den Charakter nicht retten. Die Musical-Einlagen lassen jegliche Originalität vermissen und werden zuweilen nur mit roher Gewalt zu retten versucht. Die große Liebesgeschichte, die zunächst behauptet wird, platzt und erweist sich als bedeutungslos. Damit tut man der Figur ebenfalls keinen Gefallen, wie schon die drei überdrehten Auftritte von Margot Robbie (Suicide Squad, Birds of Prey, The Suicide Squad). Wieder eine verpasste Chance.

Der deprimierende Schluss: Arthur wird in Arkham sinnlos ermordet. Und während er am Boden liegt und seinen letzten Atemzug tut, sieht man im Hintergrund den Mörder, wie er sich mit dem Messer ein „Glasgow-Smile“ ins Gesicht schneidet – wie Heath Ledger in The Dark Knight. Und auch wenn beide Filme in verschiedenen Welten spielen, wird damit eine Verbindung geschlagen, die Fan-Spekulationen anheizen dürfte. Jetzt meinen sicher einige zu wissen, woher die Narben stammen. Damit ist weder dem Mythos von Ledgers Jokerfigur noch dem Andenken an den toten Schauspieler ein Gefallen getan.

Damit ist Joker: Folie à Deux ein ziemlich schwacher, langweiliger und witzloser Neuaufguss, bei dem man froh sein kann, dass es keine weitere Fortsetzung geben wird. Hoffentlich.

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