Der Reiz des Unperfekten

DC Comics

DC Comics

Titel: Faces (dt. Die Insel der Freaks)

Autor/Zeichner: Matt Wagner

Erschienen: 1992 (Legends of the Dark Knight #28-30, Paperback 1995), dt. Carlsen 1995


„Welcome to the funhouse. We hope you enjoy your stay.“ (Two Face)

Gesichter sind bei Batman immer ein großes Thema. Batman hat keins, oder genau genommen nur ein halbes, da der Rest von einer starren Maske verdeckt ist. Manche seiner Schurken tragen ebenfalls eine Maske oder haben entstellte Gesichter. Wie der Joker. Oder Two-Face. Das entstellte Gesicht ist Sinnbild für eine kaputte Seele. Eigentlich ist das nicht gerade aufgeklärt: wer hässlich ist, muss auch böse sein (das gilt allerdings nicht für Frauen, die immer fantastisch aussehen – was auch einiges über das Frauenbild bei Batman aussagt, aber das ist ein anderes Thema). In modernen Geschichten wird jedoch versucht, die Schurken psychologisch mit ausführlichen Vorgeschichten zu entlasten. Die Bösen sind Opfer der Umstände, der Gesellschaft.

So auch Two-Face. Als Harvey Dent war er ein idealistischer Bezirksanwalt, ein Säure-Attentat machte ihn zum Schurken, der besessen von Dualität ist und seine Entscheidungen beim Münzwurf trifft. In Faces geht er noch weiter: Die Story handelt nicht von einem typischen Coup, der irgendwas mit der Zahl zwei zu tun hat, nicht von Rache oder Geld. Two-Face hat eine fast schon gemeinnützige Agenda: eine Absage an die Perfektion. Während er Morde an Schönheitschirurgen begeht, arbeitet er an einer Zuflucht für Ausgestoßene, wo Freaks wie er ungestört leben können ohne diskriminiert zu werden. Natürlich geht das nicht, wenn man dabei Menschen entführt, einschüchtert, erpresst oder umlegt. Außerdem wird Bruce Wayne um den Kauf einer Ferien-Insel gebracht. (Wobei man sich fragen muss, was er damit soll, wo er doch nie Urlaub macht …)

Matt Wagner erzählt nicht irgendeine Geschichte. Und er erzählt sie auch nicht irgendwie. Mit seinem sparsamen, groben Zeichenstil, der an David Mazzucchelli erinnert, schafft er eine düstere Stimmung und reizt dabei mit ungewöhnlichen Panels das Medium Comic aus. Auf einer Seite sieht man einen Dialog auf einer runden Laufbahn von oben, der zugleich über mehrere kleine Panels in der Mitte führt. Auf einer anderen Seite arbeitet Wagner mit einer gestrichelten Linie, die den Gang einer Figur nachzeichnet, während sie unterwegs verschiedenen Freaks begegnet.

Das alles ist große Kunst. Es ist ein Genuss, sich das Zusammenspiel von Zeichnungen, Panels und Seitenarchitektur anzusehen und die Geschichte hat auch eine Tiefe, bei der wieder einmal die Nähe zwischen Held und Schurke offenbar wird. Batman darf mal wieder Detektiv spielen, mehr Hirn als Fäuste benutzen. Er wird verletztlich dargestellt, aber bleibt immer noch souverän. Von solchen wohl abgestimmten Mischungen sollte es mehr geben.

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