Titans: Blutige Anfänger

DC Comics

DC mag sich derzeit mit Kinofilmen schwer tun, aber dafür läuft es mit den TV-Serien: Nach Gotham, Arrow und seinen gefühlt 100 Ablegern gibt es jetzt auch Titans, was in den USA im Streaming-Servive DC Universe und bei uns auf Netflix erscheint. Das Team erfreut sich seit Jahren als Animation großer Beliebtheit: Bereits von 2003 bis 2006 gab es eine Serie, seit 2012 als Teen Titans Go! (inklusive eines Kinofilms 2018), seit 2010 gab es mit Young Justice ein ähnliches Konzept, 2016 kämpfte sie in einem Film gegen die Justice League, 2017 wurde die Storyline The Judas Contract adaptiert.

Aus dem ursprünglichen Team aus Sidekicks Robin, Kid Flash, Aqualad und später Wonder Girl, ist für die erste Live-Action-Adaption nur noch Robin übrig geblieben, ergänzt von Raven, Starfire und Beast Boy aus der 80er-Besetzung. Die Serie ist aber voller weiterer Helden wie Hawk and Dove, Jason Todd (Robin II) und – nur als Gast – Donna Troy (Wonder Girl). Geschrieben wurde Titans von DC-Autor Geoff Johns (Batman: Earth One) sowie Arrowverse-Erfinder Greg Berlanti und Drehbuchautor Akiva Goldsman, der die Drehbücher zu Batman Forever und Batman & Robin verbrochen hat (aber von ihm stammt auch A Beautiful Mind, für das es einen Oscar gab).

Die Story ist zunächst klassisches Teambuilding: Dick Grayson hat Gotham (und Bruce Wayne) verlassen, er ist ein Polizist in Detroit, wo er auf Rachel Roth trifft, eine Teenagerin, die finstere Kräfte in sich birgt, deren (Zieh-)Mutter vor ihren Augen erschossen wurde und die seitdem auf der Flucht ist. Rachel träumt vom Tod der Grayson-Eltern im Zirkus. Parallel dazu sehen wir Kory Anders (Starfire) nach einem Autounfall in Österreich aufwachen. Sie wird gesucht von mafiösen Gangstern, aber sie kann sich nicht daran erinnern, warum und wer sie ist. Dann führt die Spur zu Rachel. Das Mädchen ist auch von einem mysteriösen Kult begehrt. Und dann kommt noch der grüne Garfield Logan (Beast Boy) aus der Doom Patrol dazu …

Titans ist trotz seiner jungen Helden alles andere als Unterhaltung für Kinder. Denn im Gegensatz zu den meisten anderen DC-Serien ist diese um einiges düsterer – und gewalttätiger. Vor allem Robin ist so brutal, dass er seinen Mentor Batman stark überbietet, jedenfalls wenn man die Ben Affleck-Version außen vor lässt. Die Gewaltdarstellung erreicht Zack Snyders Watchmen-Qualitäten: Da gehen viele Knochen zu Bruch, das Blut fließt in Strömen, Robins Wurfsterne gehen auch mal ins Auge. Das finden selbst Umstehende übertrieben.

Aber seine Kollegen stehen ihm in nichts nach: Starfire grillt Menschen bei lebendigem Leib, ohne jegliche Reue, Raven lässt einen Angreifer seine inneren Organe als Flüssigkeit ausspeien. Beast Boy beißt als grüner Tiger einen Feind zu Tode. Und so geht es munter weiter. An einem Höhepunkt der Story fackelt Kory eine ganze Anstalt voller Menschen ab. Dass dabei jemand stirbt, interessiert in der Serie aber absolut niemanden, vielleicht weil es nur die Bösen sind. Viel mehr Aufmerksamkeit bekommt in der Szene Dick gewidmet, der bei der Gelegenheit auch sein Robin-Kostüm verbrennt.

Moralisch handeln alle höchst fragwürdig, aber das wird erschreckenderweise nie problematisiert. Was ist aus dem guten alten Superhelden-Ethos geworden, nicht zu töten? Ihren Tiefpunkt erlangt die Serie in Folge 9, in der die Vorgeschichte von Hawk & Dove erzählt wird. Die beiden suchen Sexualstraftäter in Freiheit auf, um sie zusammenzuschlagen, am Ende sogar, um einen zu töten – alles im Dienste der Traumabewältigung. Und was dann? Sie haben Sex …

Wie sinnbefreit das alles ist, geben die Autoren indirekt selbst zu in einem unfreiwillig komischen Dialog zwischen Dick und Donna in Episode 10:

Donna: „Ich hatte leider recht, dass sie [Kory] Rachel töten will.“
Dick: „Kory ist kein Killer. Sie tötet manchmal, aber das hier ergibt keinen Sinn.“

Die Dialoge könnten auch sonst pfiffiger sein, wie überhaupt die Drehbücher jegliche Eleganz und interessanten Einfälle vermissen lassen. Wie sich die Beziehungen entwickeln, ist allein deshalb schon klar, weil Robin und Kory deutlich älter sind als Rachel und Garfield, allerdings geschieht das plump und lieblos. Die Charaktere handeln stets zuverlässig dämlich, indem sie sich unnötig in Gefahr begeben und von anderen gerettet werden müssen.

Die gesamte Inszenierung setzt auf eine geradlinige Story zwischen Science-Fiction- und Horror-Elementen. Jegliches Potenzial für Spannung verpufft aber schnell. Handlungsbögen werden abgehandelt, noch bevor sie sich entwickeln können. Es ist schon eine Kunst für sich, selbst die paar Überraschungen vorhersehbar zu gestalten. Da wird auch schon mal das Geheimnis um Rachels Vater künstlich aufrecht erhalten, indem Rachel ihre Mutter nie nach seinem Namen oder Herkunft fragt.

Obwohl die Titans ursprünglich eine Gruppe von Sidekicks sind, bekommt man nie ihre Vorbilder zu sehen. Obwohl man Dick Graysons Vorgeschichte sieht, taucht darin nicht mal Bruce Wayne als Person auf, höchstens angedeutet und gesichtslos im Hintergrund. Statt mit dem jungen Dick zu sprechen, schreibt er ihm einen Brief. Von Bruces Kindheitstrauma erfährt er nur durch eine dritte Person. Titans kränkelt an der Tatsache, dass die Serie für sich allein steht, also ohne vorher (z.B. in Filmen) andere Helden etabliert zu haben – und offenbar will man das auch nicht nachholen. Daher bleibt Batman nur eine graue Eminenz, damit Robin sich von ihm emanzipieren und später (wahrscheinlich in Staffel 2) zu Nightwing werden kann.

Das Batsignal hat ausgesorgt.

Erst am Ende der ersten Staffel bekommen die Fans dann scheinbar, worauf sie warten: In einer Albtraum-Vision von Dick sehen sie einen verbitterten Batman in einem dystopischen Gotham Amok laufen. Doch leider wird auch diese Chance vertan, indem wieder nur auf rohe Gewalt gesetzt wird und das, was alle sehen wollen, nicht gezeigt wird. Dick soll Batman davon abhalten, den Joker zu töten, doch dann bringt Batman nicht nur den, sondern auch alle anderen in Arkham Asylum um – inklusive Personal. Ohne dass vorher Batman als Held eingeführt wurde, wird er – wie die Titans – als skrupelloser Killer dargestellt, der schließlich Dick dazu bringt, ihn zu töten. Ein sinnloses Gemetzel, das keinem anderen Zweck als der Effekthascherei dient.

Bruce Wayne in der Bathöhle

Und dann der Moment der Wahrheit: Wir sehen Bruce Wayne – aber nur im Dunkeln von hinten. Und wir sehen Batman – aber nur im Dunkeln von hinten. Auch Joker und Two-Face werden nur angedeutet. Es ist schon fast ein Running Gag. Man könnte lachen, wenn es nicht so verdammt ärgerlich wäre. „Fuck Batman“, sagt Robin gleich zu Beginn. Und mit „Fuck you, Bruce“ schließt sich am Ende der Kreis, als wäre es das Motto dieser Serie.

Batman am Tatort seines Verbrechens

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