Supermans jüdisches Erbe

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Hitlerschreck: Superman ist kein „Übermensch“. (Superman #17, DC Comics)

Seit ihren Anfängen nehmen es Superhelden mit Nazis auf. In den 40ern war das noch ein Ausdruck von Patriotismus: Man kämpft gegen die Deutschen, weil sie die Kriegsfeinde sind, genauso wie Japan. In den Krieg selbst mischen sich die Superhelden nicht ein (höchstens auf den Covern). Comic-Nazis sind bei Batman, Superman und Wonder Woman zunächst Spione, Saboteure, Mörder im eigenen Land. Aber von einem Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus ist in den frühen Comics nicht die Rede. Jedenfalls nicht direkt.

Doch Superhelden und Antisemitismus vertragen sich grundsätzlich nicht. Zum einen, weil diese Haltung ohnehin nichts mit Heldentum zu tun hat und jedem halbwegs anständigen und vernünftigen Menschen abgehen sollte. Zum anderen, weil die Schöpfer der ersten Superhelden Juden bzw. jüdischer Herkunft waren – und zwar sehr viele von ihnen: Jerry Siegel und Joe Shuster, Bob Kane (Robert Kahn) und Bill Finger; Joe Simon, Jack Kirby und Stan Lee, sowie natürlich auch Will Eisner, um noch einen Pionier zu nennen. Auch die Verleger von DC und Marvel waren Juden. Kurzum: Genauso wie Hollywood-Filme sind Comichefte ohne Juden undenkbar.

Clark Kent, der jüdische Nerd

Aber spiegelt sich das auch in den Comic selbst wieder? Auf den ersten Blick nicht. Superman, Batman und Co. erscheinen wie die Inbegriffe des Ur-Amerikanischen im „weißen“ Sinne. Superman scheint fast eine leibhaftige US-Flagge zu sein – er steht für truth, justice and the American way – und wem das nicht reicht, für den gibt es immer noch Captain America, ebenfalls eine jüdische Erfindung (von Joe Simon und Jack Kirby). Bestenfalls steht Superman für das Ideal einer allumfassenden amerikanischen Gesellschaft, die niemanden ausschließt, sondern für alle steht.

Superman ist kein Jude – jedenfalls nicht im religiösen Sinn. Doch wie Harry Brod in seinem Buch Is Superman Jewish? darlegt, ist Superman jüdisch in einem kulturellen Sinn.

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Superman als Samson? (Superman #4, DC Comics)

Schon beim Origin wird das deutlich. Superman wird als Kind gerettet, indem er von einer sterbenden Welt (Krypton) in eine neue geschickt wird. Darin spiegeln sich nicht nur der Moses-Mythos, sondern auch unzählige Migrationsschicksale: Krypton erscheint wie die alte Welt, die zerstört wird (Europa), die Erde als neue Welt (USA). Besonders vor dem Hintergrund der Judenverfolgung (in Supermans Erscheinungsjahr 1938 findet sich Reichspogromnacht statt) und des Holocaust. Der Name Kal-El bedeutet in hebräischer Aussprache übrigens „Gott ist alles“ oder „alles für Gott“.

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Rakete statt Binsenkästchen: Kal-Els Rettung von Krypton (Superman #1). (DC Comics)

Was dann mit Superman passiert, kann als eine jüdische Erfolgsgeschichte gelesen werden. Ebenso wie viele Juden, die in den USA Antisemitismus und Vorurteilen ausgesetzt sind, ausgegrenzt werden und sich so gut wie möglich anpassen, um nicht aufzufallen (wie etwa durch Namensänderungen: Kahn wird zu Kane, Kurtzberg wird zu Kirby, Stanley Lieber wird zu Stan Lee), nimmt auch Superman ein Alter Ego an.

Als Clark Kent ist er das Gegenteil von Superman: „ein schüchterner, sozial unbeholfener, körperlich schwacher, tollpatschiger, unattraktiver Quasi-Intellektueller, der eine Brille trägt und scheinbar nur einen blauen Anzug besitzt“ (Brod, S. 7, eigene Übersetzung). Damit erfüllt er das Klischee, wie männliche Juden häufig gesehen wurden. Clark Kent ist ein typischer nebbish, ein Nerd.

Clark Kent

„Mild-mannerd news reporter Clark Kent“. (Fleischer Studios)

Doch die Doppelidentität von Superman dreht den Spieß um: Hinter der Fassade verbergen sich übermenschliche Kräfte. Niemand ahnt, welches Potenzial in diesem Schwächling steckt. Superman ist so stark, dass er Autos heben kann, er ist unverwundbar, superschnell und kann hoch springen (später auch fliegen). Damit ist er allen anderen Menschen überlegen.

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Superman gegen Antisemitismus (Star Spangled Comics #130, 1950)

Jules Feiffer schreibt in seinem Buch The Great Comic Book Heroes (1965): „Superman was the ultimate assimilationist fantasy … Jerry Siegel’s accomplishment was to chronicle the smart Jewish boy’s American dream … It wasn’t Krypton that Superman really came from; it was the planet Minsk or Lodz or Vilna or Warsaw.“ (zitiert nach Brod, S.9)

Allein der Name Superman hat diese zwei Konnotationen. Einerseits wird er als Übersetzung von Nietzsches „Übermensch“ gelesen, ein von den Nazis übernommener Begriff, der rassistisch umgedeutet und überhöht wurde. So wurde Superman als jüdischer Gegenentwurf zum „arischen Übermenschen“ verstanden. Doch Superman klingt andererseits auch wie ein typisch jüdischer Name: Goldman, Feldman, Lipman oder Spiegelman (Brod zitiert hier Zeddy Lawrence, S. 9).

Von Moses zu Jesus

Dieses unterschwellige Jüdischsein wurde aber im Laufe der Zeit „weißgewaschen“. Anfangs hießen Supermans Zieheltern noch Eben und Sarah (im ersten Roman von 1942), dann aber Jonathan und Martha. Nach dem Krieg wurde Superman – zusammen mit anderen Comichelden – gezähmt zu einer harmlosen, an den Mainstream angepassten Figur. Spätesens der Comics Code von 1954 zementierte diesen Ruf des Saubermanns. Vom einstigen Outsider und Rebellen war nichts mehr übrig.

In den 90ern wurde der Stammbaum der Kents zu einer Reihe von Helden, die sogar an der Sklavenbefreiung mitgewirkt haben. Superman bekam eine vorbildliche Heiligengeschichte nach christlichem Vorbild. Aus Moses wurde Jesus: Die TV-Serie Smallville zeigt Jesus am Kreuz, der Film Superman Returns bedient sich bei christlicher Ikonographie, ebenso der spätere Man of Steel von Zack Snyder.

Die Migrationsgeschichte, bei der ein Kind von einer sterbenden Welt gerettet wird, wird umgedreht zu einer Heilsgeschichte, bei der ein himmlischer Vater seinen Sohn auf die Erde schickt, um die Menschheit zu retten. Superman erscheint als quasi-allmächtiger Gott. So geht auch das jüdische Erbe des unperfekten Helden verloren. Vielleicht ist Superman auch deswegen heute eine so langweilige Figur.

Was wäre, wenn Superman von jüdischen Eltern aufgezogen worden wäre? (Mad #325, 1994)

1994 fragte jedoch Autor Jonathan Bresman in Mad #325: „What If Superman Was Raised by Jewish Parents?“ Die Antwort darauf: Er würde „Herman Feldstein“ heißen, wäre nicht beschnitten worden (weil kein Werkzeug dafür geeignet wäre) und er wäre Arzt geworden, Radiologe um genau zu sein – Röntgenblick sei dank sogar inklusive Blitz-Biopsie. Das S-Symbol auf seiner würde in einem Davidstern stehen, statt eines Capes trüge er einen Gebetsschal. Auch wenn das als Satire gemeint ist, ganz abwegig ist es nicht.

Doch was ist mit Batman? Inwiefern ist das Jüdische bei ihm verankert? Damit befassen wir uns beim nächsten Mal.

>> Literatur: Harry Brod: Superman Is Jewish? How Comic Book Superheroes Came to Serve Truth, Justice, and the Jewish-American Way, Free Press (Simon & Shuster) 2012 (Paperback 2016).

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