Buchkritik: „Batman – Re-Konstruktion eines Helden“

Christian A. Bachmann Verlag

Was ist Batman? Held? Superheld? Antiheld? Das kommt drauf an, welchen man meint. Denn Batman ist nicht gleich Batman. Christian Bale stellt einen ganz anderen dar als Adam West 1966. Der Comic-Batman von 1950 hat kaum etwas mit dem von 1970 zu tun. Der Batman „von heute“ kennt unzählige Inkarnationen. Nicht einmal der von 1940 ist noch derselbe wie der erste von 1939.

Batman ist „zu einem ultimativen Signifikanten für die reine Idee des Helden geworden, die sich allem anpassen kann“, schreibt der Literaturwissenschaftler Lars Banhold. „Batman ist nicht ein Held, er ist der Held, der alle Ideen und Konzepte des Helden bereits beinhaltet.“ In seinem Buch Batman. Re-Konstruktion eines Helden versucht sich der Autor an einer Beschreibung von Batman als Mem, als einen vieldeutigen Bewusstseinsinhalt, der sich in verschiedenen Medien, Zeichenformen und Kontexten ausbreitet. Die Comicfigur selbst tritt, so Banhold, mittlerweile hinter anderen Erscheinungen zurück. Das merkt man auch daran, dass jeder das Batman-Symbol kennt, auch wenn nicht unbedingt jeder weiß, was dahintersteckt.

Banhold nähert sich dem Phänomen zunächst historisch an, in dem er erzählt, wie sich die Gestalt aus verschiedenen anderen Heldenfiguren zusammensetzt: vom Grafen von Monte Christo, der mit einer Geheimidentität Selbstjustiz übt, über Hardboiled-Detektive, Comichelden wie The Phantom, Filmgestalten wie The Bat, Zorro und Dracula sowie Pulphelden wie The Shadow. Batman erscheint als eine geglückte Synthese all dieser Elemente – was auch seinen anhaltenden Erfolg seit 80 Jahren erklärt.

Batman als „offener Cartoon“

Ein weiterer wichtiger Faktor sei, so Banhhold, dass Batman als „offener Cartoon“ angelegt sei. Wegen seiner abstrakten Darstellung (schwarze Maske, weiße Augenschlitze) sei Batman darauf angelegt, dass sich die Leser leichter mit ihm identifizieren können. Schon Scott McCloud beschreibt das Phänomen in Understanding Comics (dt. Comics richtig lesen): Je abstrakter eine gezeichnete Figur, desto offener ist sie, sich selbst in ihr wiederzuerkennen. Damit folgt Banhold auch der Argumentation von Stephan Packard.

Aber das überzeugt nicht recht, da sich das erstens von den meisten Comicfiguren sagen lässt und damit als Feststellung trivial erscheint, und zweitens weil es auch bei Batman starke Unterschiede gibt. Von den 40ern bis in die 60er-Jahre erscheint der noch cartoonhaft gezeichnete Charakter weitgehend ohne Eigenschaften zu sein, dafür bekommt Bruce Wayne von den 70ern an zunehmend mehr Persönlichkeit und Hintergrundgeschichte, gerade heute ist er oft sogar realistisch und wiedererkennbar gezeichnet, in Spielfilmen leihen ihm auch Schauspieler ihre Gesichter. Der Begriff des offenen Cartoons greift dann nicht mehr.

Viel naheliegender ist es, dass das ikonische Kostüm mit der Maske, dem Cape und dem Anzug eine Projektionsfläche bildet und damit Identifikationspotenzial schafft. Aber es ist auch die Hintergrundgeschichte des Superhelden ‚ohne Superkräfte‘. Banhold selbst bringt es auf den Punkt, wenn er Batman/Bruce Wayne als „Self-made man“ bezeichnet. Die Entstehungsgeschichte zeigt dem Leser: Theoretisch könnte jeder mit genug Selbstdisziplin Batman werden und damit zu einem menschlichen, als Tiermensch sogar zu einem übermenschlichen Ideal aufsteigen.

Strafe fürs Abnormale?

Das Verhältnis zwischen Batman und seinen Widersachern wie dem Joker nennt Banhold einen Kampf zwischen Normalität und Anomalien. Da es sich oft um vom Leben gepeinigte und entstellte Schurken handelt, erscheine es so, als würde Batman „Devianz“ (Andersartigkeit) „als Sünde“ bestrafen. So verlockend die Lesart auf den ersten Blick erscheinen mag, so verkürzt ist sie auch, denn sie verkennt, dass Batman selbst als Mann, der in ein Fledermauskostüm steigt, ebenfalls ein solcher Freak (und Außenseiter) mit eigenen Neurosen ist, was etwa in Grant Morrisons Arkham Asylum festgestellt und später oft genug von Figuren wie etwa Harvey Bullock in BTAS ironisiert wird.

Batman bestraft keine „Wahnsinnigen“ fürs Anderssein, sondern für Verbrechen wie Diebstahl, Raub und Mord. Dass das Böse mit physischer Entstellung zusammenhängt, ist ein Kulturphänomen, das weit über Batman hinausreicht. Im Comic ist das einfach zu erklären: Es braucht einen starken visuellen Kontrast zum körperlich idealen Batman. Die bekanntesten Schurken sind die mit dem besten Wiedererkennungswert, der sich von Batman abhebt. Außerdem repräsentieren ihre Ticks und Kostüme auch die Kehrseiten von Batmans eigenen Eigenschaften (Vernunft, Furcht, Logik, Gesetzestreue etc.).

Banhold schreibt allerdings auch, dass der Kampf zwischen Normalität und Anomalien unterlaufen werde, da Schurken oft auch Identifikationsfiguren mit tragischen Hintergrundgeschichten seien. „Ihr Wahnsinn offenbart eigene, tiefere liegende Wahrheiten, die dem ’normalen‘ Blick entgehen.“ In einer karnevalesken Umkehrung der Ordnung können sich Leser mit dem Bösen identifizieren. Der Wahnsinn ermögliche eine andere Sicht auf die Welt und stimuliere „eine Devianz, die wohl jeder fühlt“.

Kluge Analysen

So ist Banholds Buch – abgesehen von einigen diskussionswürdigen Aspekten – eine interessante Lektüre, die viel Wissen und kluge Gedanken zu bieten hat. In seinem historischen Abriss der Figur in Comic, Film und Fernsehen geht der Autor auch auf differenziert auf die Frage nach der queeren Lesart Batmans sowie der Rezeptionsgeschichte in Deutschland ein. Gerade seine Filmanalysen, vor allem die von Christopher Nolans Dark Knight-Trilogie, überzeugen weitgehend und laden zum Weiterdenken ein.

Eine ähnliche Tiefe hätte man sich für mehr Comics gewünscht. Während Banhold Comics wie The Long Halloween und Hush sowie die von Grant Morrison ausführlich abhandelt, kommen leider neuere Comics wie die von Scott Snyder und Tom King etwas zu kurz. Allerdings stellt Banhold zu Recht für sie fest, was allgemein mit dem Begriff des Prismatic Age bezeichnet wird: Batman wandelt sich bereits seit den 90ern von einer Figur zu einem „selbstreferenziellem Zeichen, das auf ein vergangenes Konzept eines sinntiftenden Helden – und seiner Dekonstruktion – verweist“, so Banhold. Oder einfach ausgedrückt: „Der Batman-Mythos verweist verstärkt auf sich selbst und stellt sich selbst aus.“ Daran kränkeln viele heutige Inkarnarnationen: Sie erscheint zu sehr als Remix von Zitaten.

Fehler und Widersprüche

Leider wird Lektüre des Buches getrübt von einigen Widersprüchen und offensichtlichen Fehlern. So behauptet der Autor, offiziell gelte „noch immer Bob Kane als alleiniger Schöpfer der Figur“, nur um auf der nächsten Seite zu erzählen, dass seit 2015 Bill Finger ein Co-Credit mit Bob Kane zugestanden wird (allerdings nicht nur, wie behauptet, in Film und TV, sondern auch in den Comics). Später heißt es, die BTAS-Episode Perchance to Dream beruhe auf For the Man Who Has Everything, wobei sie offensichtlich die Batman-Story Identity Crisis (Detective Comics #633, 1991) adaptiert.

An manchen Stellen macht es sich Banhold auch zu einfach. Auch wenn er Recht hat mit seiner Kritik an der berüchtigten Martha-Szene in Batman v Superman (und ich der Letzte sein möchte, der diesen Film verteidigt), ist Batman darin eben keine „reine Simulation des Helden“ ohne moralische Parameter. Batmans Handeln ist durchaus moralisch motiviert. Auch wenn der Film sich zitierend bei Comics bedient, ist daran nicht alles leere Pastiche.

Mehr als ein hohles Zeichen

Und damit kann man durchaus Zweifel haben an Banholds Grundthese. Denn wäre Batman wirklich nur ein hohles Zeichen, das auf sich selbst verweist, wäre er nicht so erfolgreich – und damit erfolgreicher als zum Beispiel Superman, über den sich vieles genauso sagen lässt.

Batman ist eben bei aller Variation und universeller Integrierbarkeit auch eine Konstante, die sich in den meisten Spielarten wiederfindet: ein Held, ein Superheld und damit ein Symbol für das Gute und die damit verbundene, immer wieder neu verhandelte Frage, was das überhaupt ist. Nur weil sich Batman in jede Ideologie integrieren lässt, heißt es nicht, dass er „ideologiefrei“ ist, auch nicht „scheinbar“.

In den meisten Comics hat er einen klaren moralischen Code, und sei es etwa die Konstante, dass er seine Gegner nicht tötet. Dass dies zuweilen auch unterlaufen wird, dass dieser Held eben ein „Dunkler Ritter“ ist, dass er Abgründe hat, dass er Risse und Brüche bekommt oder gar ganz hinterfragt oder negiert wird, macht ihn tatsächlich, wie Banhold schreibt, zu einer „Verkörperung von Entwicklung, Dialektik, Affirmation und Subversion“. Interessant wäre es nun, herauszuarbeiten, was trotz all dem an Batman weitgehend konstant bleibt, dass er immer noch so viele Menschen fasziniert. Ich denke, es ist mehr als das Symbol und das Kostüm. Die Frage, die offen bleibt, ist: Für was genau steht eigentlich diese Fledermaus?

>> Lars Banhold: Batman – Re-Konstruktion eines Helden, Christian A. Bachmann Verlag, Berlin 2020, 12 Euro (Aktualisierte Sonderausgabe)


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