Monat: September 2019

Der falsche Hush

Hush hält Joker gefangen. (Warner Bros.)

Titel: Batman: Hush

Regie/Drehbuch: Justin Copeland/Ernie Altbacker

Erschienen: 2019 (Direct-to-Video)


ACHTUNG: SPOILER!!!

Man nehme alle großen Schurken, verstricke sie in eine Verschwörung gegen Batman, packe eine Liebelei mit Catwoman hinein und würze das Ganze mit Superman und einem alten Freund aus Bruce Waynes Jugend. Richtig gemixt kommt Hush heraus – eine der besten Batman-Storylines des 21. Jahrhunderts.

Von daher müsste es ein Leichtes sein, den Comic von Jeph Loeb und Jim Lee zu verfilmen. Theoretisch. Denn wie Animationsversuche von The Killing Joke zeigen, stellt ein Klassiker als Vorlage noch längst keine Garantie für einen guten Film dar. Und so ist es leider auch hier.

Ivy küsst Catwoman …

Batman: Hush ändert zunächst den ersten Gegner: Statt Killer Croc tritt Bane auf. Die Änderung leuchtet nicht ein, wahrscheinlich hat man einfach nur auf den bekannteren Namen gesetzt, auch wenn Bane deutlich hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt – was übrigens auch im Film bemerkt wird. Auch wenn es interessant wäre, nicht immer nur die üblichen Verdächtigen zu zeigen, ist diese Änderung noch zu verschmerzen.

Ivy küsst Superman.

Am Ende fehlt die Jason-Todd-Szene, was verständlich ist, denn Red Hood ist in den Filmen längst etabliert und die Szene hätte keinen Effekt mehr. (Der Film spielt auch unmittelbar nach Death of Superman.) Auch andere kleinere Änderungen (Batgirl statt Huntress, Catwoman stürzt Lois vom Dach) sind akzeptabel.

Doch im Laufe der Handlung stellt sich heraus, dass sogar das Herzstück des Comics fehlt: Die Rückblenden in Bruce Waynes Jugend mit Thomas Elliot, im Comic wunderbar von Jim Lee inszeniert, existieren nicht. Dadurch wird Thomas zu einem sehr oberflächlichen Charakter reduziert. Und das hat einen Grund …

JETZT KOMMT DER SPOILER!

Denn Thomas ist gar nicht Hush, sondern Riddler. Im Comic stellt sich dieser zwar als graue Eminenz heraus, aber hier bleibt Thomas Elliot tot und der Riddler ist der wahre Bösewicht. Entweder wollte man es sich leicht machen, um Zeit zu sparen, oder man wollte auch den Comiclesern eine Überraschung bieten.

So ehrenwert der Trend erscheinen mag, dem Riddler zu mehr Ernsthaftigkeit zu verhelfen: Gelungen ist der Versuch nicht. Denn dadurch wird Hush nur zu einem billigen Gimmick einer typischen Schurken-Aktion. Ohne persönliche Vendetta wirkt die Verschwörung hohl. Und dementsprechend langatmig wirkt die scheinbar nicht enden wollende Prügelei im Finale. Nicht mal Batman nimmt den Riddler ernst.

Batman küsst Catwoman – und zwar oft …

Ansonsten wird in dem Film nicht nur geprügelt, sondern auch viel geküsst. Das liegt natürlich vor allem an der Liebesgeschichte. Batman offenbart sich Catwoman, aber am Ende scheitert die Beziehung. Batman will Riddler vor dem Feuer retten, Catwoman hindert ihn daran, der Riddler stürzt in den Tod. Erst dadurch wird deutlich, dass die beiden zu verschieden sind, um ein Paar zu sein. Das wiederum ist ein viel stärkeres Ende als im Comic, wo es bloß um Batmans mangelndes Vertrauen geht.

Trotzdem gilt: Hush sollte lieber gelesen werden. Den Film kann man sich sparen.

Batman: Hush (Warner Bros.)

Batman: Hush (Warner Bros.)

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Magische Superwesen und wo sie zu finden sind

Batman Damned (Hardcover)

DC Comics

Titel: Batman Damned

Autor/Zeichner: Brian Azzarello/Lee Bermejo

Erschienen: 2018-2019 (Mini-Serie #1-3), Hardcover 2019, dt. Panini 2019


In meinem Batman-Regal überragt es alle anderen Comics. Zum Auftakt seines Black Labels spendiert DC seinen Lesern für Batman Damned ein Überformat. So viel sind Lee Bermejos Prachtgemälde allemal wert. Und auch die 30 US-Dollar, die der Sammelband kostet. Wie schon bei früheren Arbeiten hat auch hier wieder Brian Azzarello (Joker, Batman/Deathblow, Luthor) den Text dazu beigetragen. Das stört etwas die Augenweide, die die Bilder darstellen. Aber gut, wenn er schon mal da ist, kann man ihn auch lesen.

Batman liegt mit einer Bauchwunde im Rettungswagen, dem Tode nah. Als ein Sanitäter ihm die Maske aufschneiden will, kommt Batman zu sich und flieht. John Constantine findet ihn in einer Gasse, nimmt ihn mit zu sich nach Hause und pflegt ihn gesund. Dort erfährt Batman: der Joker ist tot. Wie ist das passiert?

Hier könnte die Detektiv-Handlung einsetzen. Aber stattdessen lässt Azzarello seinen Batman durch ein Horror-Szenario irren, bei dem er auf Justice League Dark-Charaktere wie Deadman, Spectre, Etrigan, Swamp Thing und Zatanna treffen. Eine besondere Rolle spielt Enchantress, die ihn schon als Jungen heimgesucht hat. Statt zu ermitteln, versucht Batman eher zu begreifen, was überhaupt los ist. Die anderen aber sind nur wenig erhellend, helfen ihm aber gerne aus der Patsche, in die er immer wieder gerät.

Batman Damned #1

Batman im Krankenwagen (DC Comics)

Nein, Batman stellt sich hier sogar sehr dumm an. Dümmer als es sein müsste. Wie er sich von Harley Quinn übertölpeln lässt, geht über naiv hinaus. Der Kluge soll hier John Constantine sein, der die Geschichte mit einem altklugen, mäandernd-assoziierenden Redefluss erzählt. Man weiß nicht so richtig, worauf er hinaus will, man kann nur zwischendrin die wilde Abfolge von popkulturellen Zitaten abhaken, die dann auf Dauer ziemlich ermüdet.

Viel interessanter ist es, dass andere nervige Schwätzer in überraschender Form auftauchen: Spectre als Obdachloser, Etrigan als Rapper, Deadman trägt statt eines roten Kostüms nur seinen gehäuteten Körper zur Schau. Und dann wird auch noch die Geschichte der Waynes mit Ehebruch gewürzt. Eine der stärksten Sequenzen zeigt, wie der junge Bruce eine Spielzeugpistole auf seine Mutter abfeuert – und es gleich darauf bereut.

Am Ende fordert Constantine Batman auf, endlich seine Vergangenheit loszulassen und konfrontiert ihn zugleich mit einem dunklen Abgrund. Dann überrascht Batman Damed doch mit einer interessanten Wendung und es wird deutlich, dass die Geschichte nicht für sich steht, sondern unmittelbar an Azzarellos und Bermejos Joker (2008) anknüpft. Das rettet die Story, aber es hätte dafür all die Überfrachtung mit magischen Superwesen (und wo sie zu finden sind), nicht gebraucht.

Für all diese narrativen Wirren findet Lee Bermejo wunderbar alptraumhafte Bilder, die aus einem guten Horrorfilm stammen könnten. Hyperrealistisch und zugleich wie durch einen Schleier hindurch. Als Fan kommt man auf seine Kosten. Batman und Co. erscheinen hier so, wie es sein sollte: larger than life.

Batman Damned #2

Gotham City in Batman Damned (DC Comics)

Und was sagen die Fans? Bei Amazon regen sie sich über Zensur auf, weil darin Batmans Penis fehlt. Sie zahlen 30 Dollar oder Euro, um Batmans Gemächt in Übergröße zu sehen – und dann das: ein schwarzer Schatten in Batmans Schritt. Na sowas! Ja, DCs Selbstzensur und der vorauseilende Gehorsam sind schrecklich. Wo bleibt da die Kunstfreiheit? Entweder ist das feige oder eine gut kalkulierte Marketing-Masche – in jedem Fall erbärmlich. Vor allem, wenn offenbar niemand ein Problem damit hatte, dass in der Geschichte ständig „fuck“ gesagt und eine Jesus-Figur mit einem Joker-Grinsen entstellt wird. Batman Damned ist eben was für Erwachsene – allerdings nur für verklemmte Amerikaner.

Aber: Ist das mit Batmans bestes Stück wirklich so wichtig? Ihr wollt es trotzdem sehen, schon aus Prinzip? Na gut, hier ist es noch mal in seiner ganzen schattigen Pracht:

Bruce Wayne nackt in Batman Damned (DC Comics)

Bruce Wayne nackt in Batman Damned (DC Comics)

Neues Comic: Dark Knight Returns – The Golden Child

Dark Knight Returns: The Golden Child

DC Comics

Frank Miller kehrt zu Batman zurück. Nach seinem Dark Knight Returns: Last Crusade, in dem er die Vorgeschichte von Robin erzählt hat, kommt im Dezember ein weiterer One-Shot heraus, der im selben Universum spielt: Dark Knight Returns: The Golden Child erzählt, was nach Dark Knight III: The Master Race passiert.

Carrie Kelley ist von Robin, Catgirl und Batgirl zur Batwoman aufgestiegen. Zusammen mit Supermans Tochter Lara müssen sie gegen den jungen Jonathan Kent kämpfen, denn der Goldjunge trägt eine große Kraft in sich, die die Welt bedroht …

The Golden Child wird gezeichnet von Rafael Grampá, der bereits auch als Künstler für Batman aufgetreten ist. DC verspricht eine „Dark Knight story like nothing you’ve ever seen before“. Es würde schon reichen, wenn Frank Miller endlich mal wieder etwas erzählt, was seinen früheren Qualitäten als Erzähler gerecht wird.

Der One-shot im Prestige-Format soll 48 Seiten umfassen und 5,99 US-Dollar kosten. Erscheinen wird er am 11. Dezember 2019 unter DC Black Label.

Neu aufgelegt: Batman – The 1989 Movie Adaptation Deluxe Edition

Batman Movie Adaptation 1989

DC Comics

Die 80er-Jahre-Nostalgie nimmt kein Ende. 30 Jahre nach dem Erscheinen von Tim Burtons erstem Batman-Film (1989) legt DC seine Comic-Adaption neu auf. Geschrieben wurde sie von Dennis O’Neil und gezeichnet von Jerry Ordway. 144 Seiten als Hardcover. Für 20 US-Dollar. Die Veröffentlichung ist für den 29. November geplant.

Es kann nur Nostalgie der Grund dafür sein, denn Comics zu Spielfilmen sind so nutzlos wie ein Kropf. Die Filme basieren ja bereits auf den Comics (in diesem Fall bediente man sich bei Strange Apparitions) und wer will schon den Comic zum Film lesen, wenn er sich auch den Film anschauen kann, denn der Film hat ja den Vorteil, bewegte Bilder zu zeigen und auch noch nach etwas zu klingen, während ein Comic zum Film bloß so etwas wie ein in Panels gepresstes Storyboard ist, bei dem nur die Seiten beim Umblättern rascheln.

Batmobile 1989 Movie

Bitte einsteigen: Batmobil 1989.

Solche Adaptionen hat es zu jedem Batman-Film gegeben. Und nie haben sie bleibenden Eindruck hinterlassen. Wer soll das also lesen? Wahrscheinlich dieselben, die sich auch die „Bücher zum Film“ kaufen, in denen man das Drehbuch ausgeschmückt in Romanform nachlesen kann. Braucht auch kein Mensch.

Allerdings geht es auch andersrum: Bereits im vergangenen Jahr sind zu den Comic-Klassikern Mad Love, The Killing Joke und The Court of Owls ebenfalls Roman-Adaptionen erschienen. Heißt also: Comics ohne die grandiosen Zeichnungen von Bruce Timm, Brian Bolland oder Greg Capullo.

Aber zurück zum Comic. Die erinnert nämlich gleich auf Seite eins daran, dass wir es mit einer Film-Adaption zu tun haben: „It’s just a movie for heaven’s sake“, lautet der erste Satz. Wir sehen ein Kinopublikum im halbdunklen Saal sitzen, vor ihm entrollt sich ein Filmstreifen, auf dem die erste Szene zu sehen ist: Die Familie will ins Kino, schafft es aber nicht dorthin.

An einigen Stellen weicht der Comic vom Film ab, weil dem Autor nur das Drehbuch zur Verfügung stand und man kurzfristige Änderungen nicht mehr berücksichtigen konnte. Welche das sind, kann man dann bald selbst herausfinden. Und wen das alles nicht interessiert, kann zumindest die gelungenen Seiten von Jerry Ordway genießen, der geschickt die Atmosphäre des Films einfängt – so gut das eben in diesem Medium geht.

Jokers größte Reinfälle

Batman #66 (Joker)

DC Comics

Titel: The Joker’s Comedy of Errors

Autor/Zeichner: Bill Finger/Bob Kane, Lew Sayre Schwartz

Erschienen: 1951 (Batman #66), Paperback 2008 (The Joker: The Greatest Stories Ever Told)


Der Joker bricht in einem Elektrizitätswerk ein. Vorher lässt er den Strom abschalten. So weit, so genial. Nur dass er den Fluchtweg über den Aufzug geplant hat, erweist sich als keine so gute Idee – denn der braucht ja Strom … Als Joker und seine Bande die Treppe nehmen, treffen sie auf Batman und Robin. Nur mit Not können sie entkommen. Die Beute bleibt zurück.

Die Blamage ist groß, als die Geschichte am Tag darauf auf der Titelseite der Zeitung steht. Aber der Joker lässt sich nicht entmutigen, sondern will aus der Not eine Tugend machen. Er will sich die größten Fehlschläge der Geschichte zum Vorbild für seinen nächsten Raubfeldzug machen. Es beginnen die „Boner-Crimes“. (Hier ganz unschuldig ohne die obszöne Bedeutung, auch wenn das Cover dadurch eine interessane Zweideutigkeit bekommt …)

Zunächst raubt er einen Ozeandampfer aus, der auf Grund läuft, dann macht er sich über ein Schloss her, indem er einen Turm schräg stellt wie den schiefen Turm von Pisa. Spätestens hier fragt man sich, ob mal wieder nicht der Aufwand den Nutzen übersteigt … Der Joker lässt einen Komplizen aus dem Knast ausbüchsen, indem er eine Holz-Pistole einschmuggelt und einen Wärter damit narrt. Dann guckt sich der Joker den ältesten Trick der Welt ab, indem er sich in einem Trojanischen Pferd versteckt.

Aber der große Triumph ist erst vollzogen, wenn sein Erzfeind blamiert ist. Also verwirrt der Joker die Navigation des Batplanes und lässt Batman und Robin nach England fliegen statt nach Kalifornien. Die Geschichte macht die Runde, der Joker freut sich, dass Batmans Ruf dahin ist. Doch dann ist alles ganz anders als gedacht: Batman hat alles längst durchschaut – vor allem, wo Jokers Versteck ist. Tja, das war dann wohl ein Reinfall. Nicht der erste. Und auch nicht der letzte.

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Jokers kleine Literaturgeschichte

Joker in Batman #63 (1951)

DC Comics

Titel: The Joker’s Crime Costumes

Autor/Zeichner: Bill Finger/Dick Sprang

Erschienen: 1951 (Batman #63), Paperback 2019 (The Joker: His Greatest Jokes)


Kein Wunder, dass Batman immer gewinnt. Er hat ja nicht nur einen Werkzeuggürtel voller nützlicher Hilfsmittel, sondern auch eine Garderobe mit lauter schicken Bat-Kostümen für jede Gelegenheit. Als der Joker das neidvoll bei einer Ausstellung bemerkt, beschließt er, es seinem Erzfeind gleich zu tun.

Also steigt der Joker für seine nächsten Raubzüge in die Kostüme verschiedener Witzfiguren aus der englischsprachigen Literaturgeschichte: Falstaff (Shakespeare), Mr. Pickwick (Charles Dickens), the Conneticut Yankee (Mark Twain), Old King Cole (ein Kindergedicht), Mr. Micawber (aus Dickens‘ David Copperfield) und Simple Simon (noch ein Kindergedicht).

Entdecke den Fehler … Denn während Batman seine Funktionskostüme anzieht, um sich seiner Umwelt anzupassen, sind die Verkleidungen des Jokers bloß eine Masche, um eine Show abzuziehen. Als Falstaff macht er eine Hamlet-Aufführung zunichte, macht Beute unter den Zuschauern, dann bläst er sein Kostüm mit Helium auf und fliegt davon. Als King Cole lässt er Seifenblasen fliegen, die seine Opfer benebeln; Batman und Robin geraten in zwei klebrige Riesenblasen.

Der Joker legt auch eine falsche Fährte. Einmal vermutet das Dynamische Duo ihn auf einer Opernbühne als Pagliacci, aber in Wahrheit tritt er als Simple Simon bei einer Bäcker-Messe auf. Dort gibt es natürlich lauter Riesentorten, weil in den Comics des Golden Age nun mal alles „larger than life“ sein muss.

In einer Ausstellungshalle stehen lauter Holiday Pies zusammen. Auf dem Kuchen zu „Lincoln’s Birthday“ steht sonderbarerweise ein Riesenpenny wie in der Bathöhle. Der Joker lässt ihn rollen. Batman und Robin verkleiden sich als Santa Claus und Little Jack Horner (noch ein Kindergedicht), bewerfen den Joker mit Pflaumen und er fällt in den „April Fool’s Pie“, der voller Fledermäuse steckt.

Kurz gesagt: Jokers Kostüm-Masche richtet sich gegen ihn. Er wird zum Opfer seiner Farce. Der Witz geht auf seine Kosten. Am Ende wird er auch noch in einem übergroßen Clownsgesicht eingesperrt. Demütigender geht’s nicht. Vielleicht wird er deshalb später zum Massenmörder – als Rache für unzählige Rückschläge.

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Der schlechteste aller Batmen

Titel: The Batman Who Laughs

Autor/Zeichner: Scott Snyder, James Tynion IV/Jock

Erschienen: 2018-2019 (The Batman Who Laughs #1-7, The Batman Who Laughs: The Grim Knight #1), Hardcover 2019


„I am the worst Batman of all.“ (Batman)

Was von dem Batman-Event Dark Nights: Metal in Erinnerung geblieben ist, ist vor allem eine Figur: The Batman Who Laughs. Der Grund liegt auf der Hand. Es handelt sich um einen bösen Batman, der zum Joker mutiert ist. Mit seiner Lederkluft und dem Reif mit Metallspitzen auf dem Kopf ist er so richtig schön evil, dass man vergisst zu fragen, wie er mit der stacheligen Augenbinde überhaupt etwas sehen kann.

Egal. Scott Snyders Erfindung ist so beliebt, dass er ihm eine Miniserie gewidmet hat. Und auch im Event Year of the Villain und in der neuen Batman/Superman-Serie wird er wieder als Schurke auftauchen. Aber zurück zur Miniserie. Hier bringt er zunächst Batman an dessen Grenzen.

Es beginnt damit, dass Batman Bruce Waynes Leiche findet. Ein älterer, anderer Bruce Wayne, aber definitiv dieselbe DNA. Und es tauchen noch mehr auf – allesamt Bruce Waynes aus Paralleluniversen. Dahinter steckt The Batman Who Laughs. Er will in Gotham ein Notfallsystem übernehmen, mit dem man im Notfall über das Trinkwasser mit einem Gegenmittel versorgen kann. Damit will er die Bewohner von Gotham in die bösesten Versionen ihrer selbst verwandeln – und die Stadt zu dem machen, was sie seiner Meinung nach schon immer bestimmt war.

Der grinsende Schurke tötet zunächst den Joker. Dadurch wird ein Gift freigesetzt, durch das Batman sich in den Joker verwandelt. Und dann hat The Batman Who Laughs auch noch Verstärkung mitgebracht: the Grim Knight, eine mörderische Version von Batman, die um den Gebrauch von Schusswaffen nicht verlegen ist.

Scott Snyder kann’s nicht lassen. Nach 52 Ausgaben Batman, dann noch Batman Eternal, sollte das Metal-Event das Finale seines Epos werden, das er mit Greg Capullo über Jahre erzählt hat. Aber hier legt er nicht nur eine Fortsetzung vor, sondern kehrt mit Zeichner Jock auch ganz zurück zu seinem Anfang, nämlich The Black Mirror. Hier lässt er James Gordon Jr. wieder eine tragende Rolle spielen. Der ist nämlich dank Drogen und Fußfessel auf dem Weg zur Rehabilitation vom psychopathischen Mörder zum guten Bürger. Zusammen mit seinem Vater legt er sich mit dem Grim Knight ein, aber der Senior ist nach wie vor skeptisch, was den Fortschritt seines Sohnes angeht. (Dabei lässt Batman Beyond grüßen.)

Das alles zusammen ist wie immer ziemlich viel Stoff. Wie gewohnt entwickelt Snyder seine Story mit vielen überraschenden Wendungen und schafft es so, über sieben Kapitel, die Spannung immer höher zu schrauben. Das macht nicht immer nur Spaß. Es ist ein anspruchsvolles und voraussetzungsreiches Comic, man sollte das alles kennen, worauf sich Snyder hier bezieht. Und es ist auch – wie üblich – ein wortreiches. Wie viel der Schurke von sich gibt, um Batman zu erklären, ermüdet gegen Ende sehr. Und wenn alles gesagt ist, muss in einem sehr langem Epilog noch jeder angerissene Gedanke zu Ende gedacht werden, in aller Ausführlichkeit. (Immerhin wird dabei auch erklärt, wie und was er durch den Metallreif sehen kann.)

Wie so oft retten die Zeichnungen über Längen hinweg. Jock, der für seinen schmutzigen, unruhigen und sperrigen Stil bekannt ist, steigert den Horror, den er so gut beherrscht, hier noch mehr. Sein Batman Who Laughs erscheint im Finale wahrhaft schrecklich. Und dann ist da noch ein One-Shot zum Grim Knight, der sehr eindrücklich von Eduardo Risso (Broken City, Dark Night) inszeniert wird – mit vielen Zitaten aus Frank Millers und David Mazzucchellis Year One. Interessant ist zu sehen, wie der kleine Bruce Wayne nach der Ermordung seiner Eltern selbst Joe Chills Waffe aufhebt und eine Karriere als Rächer á la Punisher beginnt.

Nein, Batman kommt nach 80 Jahren wohl nicht mehr heraus aus der Zitate-Hölle. Moderne Storys scheinen nur noch ein Remix von Referenzen zu sein. Und davon handelt auch The Batman Who Laughs. Denn der Schurke holt ständig andere Bruce Wayne-Versionen heran, um dem Batman dieser Welt zu zeigen, dass er der schlechteste aller Batmen ist. Der Held stimmt ihm sogar zu. Am Ende steht aber die Erkenntnis: Selbst der schlechteste Batman ist immer noch besser als der beste Schurke. Mit anderen Worten: Besser als nix. Batman erweist sich dann sogar als so gut, dass er sogar das Joker-Gift aus sich selbst heraus besiegen kann. Aber seine lange Tradition wird Batman wohl nie mehr aus seinem Kreislauf bekommen.

Die Story geht weiter in Batman/Superman. Und in dem Dreiteiler Last Knight on Earth wollen Snyder und Capullo wirklich ihr letztes Wort zu Batman gesprochen haben …

Jokers Schnitzeljagd durch die Staaten

batman #8 1941

DC Comics

Titel: The Cross Country Crimes

Autor/Zeichner: Bill Finger/Bob Kane

Erschienen: 1941 (Batman #8), Paperback 2017 (Batman: The Golden Age Vol. 3), 2019 (The Joker: His Greatest Jokes)


Als es noch kein Batsignal gab, mussten Batman und Robin per Radio von den Behörden kontaktiert werden. Diesmal kommt eine Einladung aus Washington D.C.: Der Chef des FBI, G. Henry Mover (wer gemeint ist, dürfte klar sein), will das Dynamische Duo ehren – eine Anordnung des Präsident höchstselbst. Da die beiden gerade keine bösen Buben jagen, ziehen sie sich um und fahren los. In der Hauptstadt werden sie mit einer Parade begrüßt.

Doch kaum haben sie Mover die Hand geschüttelt, wird er angeschossen vom Joker. Das ganze Land ist in Aufruhr. 100.000 US-Dollar Belohnung für jeden, der ihn fasst – tot oder lebendig. Dann fordert der Joker Batman und Robin mit einer Radiodurchsage heraus. Als die beiden beim Sender eintreffen, finden sie eine Joker-Karte: „Guess where I am going now, Batman“, steht darauf. Es ist nicht schwer zu erraten, denn der Joker hat New Jersey darunter geschrieben und noch die Umrisse des Bundesstaates eingezeichnet. Allerdings ist das „New“ durchgestrichen …

Und so beginnt eine Schnitzeljagd. Das Dumme ist nur: New Jersey ist groß. Also wo anfangen? Bruce und Dick entspannen erstmal im Theater. Doch dann raubt der Joker auf der Bühne Juwelen. Er hat es nicht eilig, wartet sogar ab, bis Bruce und Dick sich umziehen und auf die Bühne schwingen. Aber er entkommt. Wieder lässt er eine Karte da: diesmal steht Ohio drauf. Dann geht die Reise nach Kansas und Delaware, wobei das D darin wieder durchgestrichen ist.

Batman erkennt des Rätsels Lösung: Zusammen bilden die Anfangsbuchstaben den Namen Joker – falls man am Ende Rhode Island hinzufügt. Und das ist auch der nächste Aufenthaltsort des Clowns.

Der Joker ist hier noch ein skrupelloser und gewiefter Schurke. Andere Gauner schaltet er mit vergifteten Zigarren aus, einen Bus lässt er mit einer falschen Straßenmarkierung in den Abgrund fahren. Es kommt zu spektakulären Verfolgungsjagden in den Gondeln einer Seilbahn und auch auf den Dächern fahrenden Autos. Der Joker narrt Batman und Robin mit einem Dummy, der ihm täuschend ähnlich sieht und unter Strom steht.

Das waren noch Zeiten, als der Joker noch ein ernstzunehmender Gegner war. In den 50ern sollte sich das ändern. Aber nach dem tieferen Sinn dieser Schnitzeljagd sollte man lieber nicht fragen. Und wie geht es eigentlich dem FBI-Chef? War wohl nur halb so wild …

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80 Jahre Batman: Eine Bestandsaufnahme

Der Autor Timur Vermes hat Ende August bei Spiegel Online Batman zum 80-jährigen Jubiläum ein Armutszeugnis ausgestellt: „Batman ist 80 und hat ein Problem: In seinem Universum läuft ihm der Joker den Rang ab – denn der Dunkle Ritter schmort heute viel zu oft im eigenen Saft“, heißt es da. Batman – ein „Wegducker“, denn er er befasse sich „nicht mit der Welt, nur mit sich selbst.“ Vermes wünscht sich mehr Realismus, wie zu Zeiten von Neal Adams in den 70er Jahren. Batman soll heute lieber gegen Pharmahersteller, Terroristen und rassistische Präsidenten kämpfen. „Kurz: Batmans eigentliche Baustelle.“ Aber ist das wirklich so?

Als Belege führt Vermes einige aktuelle Bände wie Batman Metal, Der Weiße Ritter, Joker-Riddler-Krieg und Batman vs. Deathstroke an, aber auch die Storyline Niemandsland, die allerdings aus dem Jahren 1999 und 2000 stammt. Eine 20 Jahre Geschichte dient nicht gerade als Maßstab für den heutigen Batman, das allein macht Vermes‘ Analyse fragwürdig, aber auch die restliche Auswahl wirkt eher willkürlich und nicht beispielhaft für den aktuellen Batman.

Aber gehen wir es mal durch: Zugegeben, weder der Joker-Riddler-Krieg noch Batman vs. Deathstroke sind Meisterwerke. Und Metal ist tatsächlich so voraussetzungsreich, dass man selbst als Hardcore-Fan und Allesleser leicht den Überblick verliert. Das ist schon lange ein Problem dieser Mega-Events. Es geht um alles mit allem und jedem – und das ist meist zu viel.  Steht es für den alltäglichen Batman? Nein. Der kosmische Weltretter Batman war schon immer eine Ausnahme-Erscheinung. Es gibt immer noch die kurzen Geschichten, die man ohne viele Vorraussetzungen lesen kann.

Der Weiße Ritter findet bei Vermes Gnade, er nennt ihn (zusammen mit dem Joker-Riddler-Krieg) „recht unterhaltsam“, aber findet das Problem, dass der Joker die „stärkere Marke“ bilde. Das allein ist keine originelle Beobachtung, sondern ein Gemeinplatz: Der Held ist immer nur so gut wie sein Gegner. Der Schurke macht erst die Story. Auch Luke Skywalker und Harry Potter haben nur eine Daseinsberechtigung, weil sie gegen Darth Vader und Voldemort kämpfen.

Allerdings hinkt der Vergleich, denn Batman ist als düsterer Antiheld immer noch interessanter als diese blassen Abziehbilder von Helden. Der Joker bringt natürlich erst die Würze: Das war schon im Film mit Michael Keaton so und auch in The Dark Knight mit Christian Bale und Heath Ledger. Das ist keineswegs eine Fehlentwicklung. Was passiert, wenn man Batman so irre macht, wie seine Gegner, kann man an Frank Millers All-Star Batman and Robin, the Boy-Wonder sehen.

Bleibt also die Frage: Sollte Batman lieber gegen Schurken aus der echten Welt kämpfen? Allein die Frage zeugt schon von Unkenntnis und einem Fehlverständnis der Figur. Zum einen kämpfte Batman schon immer gegen Kriminelle – kleine wie große – und tut es immer noch. Gegen eine kriminellen US-Präsidenten wie Lex Luthor ging er zusammen mit Superman vor, als Donald Trump noch Demokrat war. Er setzt sich für die Armen und Schwachen, für Migranten und Flüchtlinge ein. Im Niemandsland (vor allem in der Vorgeschichte) ist Bruce Wayne sogar politisch tätig, damit Gotham nicht von der Außenwelt abgeschnitten wird. Aber auch in Storys der vergangenen Jahre ging es immer wieder um soziale Themen aus dem wahren Leben.

Batman: The Dark Knight

DC Comics

Um ein mutiges Beispiel zu nennen: In Voiceless/Angel of Darkness (Batman: The Dark Knight #26-27, 2014) wird eine Migrantengeschichte erzählt – und zwar ohne Worte. Bruce Wayne wird zum Philanthropen, um einer Familie ein besseres Leben zu ermöglichen. Ein Comic wie White Knight ist sogar sehr politisch, ohne dass es ein direkter Kommentar zu Trump sein muss – den haben dafür Frank Miller und Brian Azzarello in Dark Knight III gebracht.

Allerdings: Batmans Kerngeschäft besteht nicht im humanitären Einsatz oder darin, korrupte Politiker und kriminelle Unternehmer zu jagen. Er trägt ein Fledermauskostüm, um sich vor allem Gegnern zu stellen, die ihm ähneln und ihm gewachsen sind. Wir lesen Batman, damit er gegen Verrückte Kostümträger mit bestimmten Ticks wie Joker, Two-Face, Catwoman und Riddler kämpft, oder Freaks wie Clayface und Man-Bat. Dazu gehören auch Vertreter des organisierten Verbrechens wie Pinguin oder Black Mask.

In welcher Form auch immer: Batman bekämpft das Verbrechen – aber in der Regel in einer Form, wie es einer Figur seines Formats entspricht. Er ist kein Polizist, sondern ein Vigilant, ein Typ für die härtesten Fälle. Ein Freak für die Freaks. Batman funktioniert seit 80 Jahren in unzähligen Inkarnationen, weil seine Mission eine universelle ist: Gerechtigkeit. Am Ende ist es nicht wichtig, wie realistisch seine Gegner sind oder wie viel seiner Probleme mit der Nachrichtenlage zu tun haben. Batman ist nicht dafür zuständig, unsere wahre Welt zu retten, er kann nicht mal sein Gotham vom Verbrechen befreien. Er ist ein moderner Sisyphus, der lediglich versucht, es besser zu machen. Er steht für einen unermüdlichen Einsatz für das Gute – aber eben in seinem fiktiven Universum. Wer mehr Realität will, der sollte die Nachrichten lesen. Wer mehr Realismus fordert, sollte The Wire schauen.

Ist Batman auserzählt?

Trotzdem ist die Frage berechtigt, ob der heutige Batman etwas taugt. Dann aber sollte man ihn an der Qualität der Geschichten beurteilen: Unterhalten sie? Fesseln sie? Werden sie dem Charakter gerecht? Leider ist das Meiste – wie üblich bei dieser Masse – Durchschnitt. Meistens sehr hochwertig gezeichnet, aber selten inspiriert erzählt.

Batmans Hauptproblem ist das Zuviel. Und das zeigt sich in drei Aspekten. Erstens: In vielen Comics wird zu viel geredet. Die Panels ersticken in Sprechblasen. Die Autoren ergehen sich in langen Ausführungen und Dialogen. Es sind fast schon Essays über Batman. Dabei wäre weniger wie immer mehr. Batman ist ein wortkarger Charakter. Autoren wie Scott Snyder und Tom King lassen aber gerne lange schwadronieren und schreiben unendliche Dialoge schreiben. Man kann argumentieren, dass auch The Dark Knight Returns voller Text ist, aber da sitzt jeder Satz – und kein Wort ist zu viel.

Zweitens: Viele Geschichten wollen zu viel: Zu viele Charaktere, zu viele Wendungen, immer wieder geht es um das große Ganze, bei dem ganz Gotham von Schurken übernommen, eingeäschert oder von einer Plage heimgesucht wird. Dieser Katastrophen-Effekt hat sich seit den 90ern verbraucht.

Drittens: Zu viel Geschichte. Am schwersten leidet Batman unter der Last seiner Tradition. 80 Jahre Comics, Filme und TV sind eine ungeheure Menge. Die Autoren bemühen sich, einen Spagat zu schaffen, indem sie einerseits der Tradition gerecht werden, andererseits auch etwas Neues zu bieten. Das Ergebnis ist ein Dauer-Remix: Sie verarbeiten meist bekannte Elemente und liefern mit vielen Anspielungen Fan-Service, aber dadurch steckt Batman leider in einer Wiederholungsschleife fest.

Begonnen hat alles in den 80ern. In dieser Zeit, dem sogenannten Dark Age der Superhelden, wurden mit Watchmen eine Art Schlussstein gesetzt. Superhelden wurden als Anachronismen und moralisch zweifelhafte Machtgestalten dekonstruiert. Ähnlich und fast zeitgleich tat Frank Miller das Gleiche für Batman in The Dark Knight Returns. Diese vierteilige Mini-Serie bildet auch so etwas wie den Abgesang auf Batman. Bruce Wayne hat aufgegeben und steigt als alter Mann noch einmal ins Kostüm, um eine verkommene Welt vor Two-Face, Joker und dem abtrünnigen Superman zu bewahren.

Es hätte das Ende sein können, ein perfektes Ende. Aber es ging weiter. Denn Unendliche Erzählungen müssen immer weitergehen. Wenn für Superhelden etwas zu Ende geht, beginnt es wieder von vorn. Miller erzählte danach Batmans Entstehungsgeschichte. In Year One sehen wir, wie der Dark Knight bereits als junger Mann einen düsteren Todestrieb und Selbstzerstörungstendenzen in sich trägt. Es ist ein Neustart, in dem der Sturz in den seelischen Abgrund und das sisyphoshafte Scheitern bereits vorweggenommen wird.

Noch zwei weitere Comics der 80er setzen diese Dekonstruktionstendenz fort: Moores The Killing Joke und Grant Morrisons Arkham Asylum. Batman wird hinterfragt, ihm werden Grenzen aufgezeigt, er wird zum ohnmächtigen Spielball seiner Schurken, er wird sogar einer von ihnen – er ist auch nicht mehr als ein verkleideter Spinner.

Spätestens hier ist alles über Batman gesagt. Warum? Weil seitdem kaum etwas Neues über ihn gesagt worden ist. Vieles, was danach kam, steht in der Tradition dieser vier Comics. Es blieb düster, wurde zwischendrin wieder optimistischer, aber es stand alles im Schatten der Meilensteine und setzte diese Tendenz fort. Auch Christopher Nolans Batman-Filme stützen sich stark auf diese Geschichten, bedienen sich zudem noch bei den 90ern wie Knightfall.

In den 90er- und Nuller Jahren wurde alles nochmal erzählt, aber zeitgemäßer. Schon The Killing Joke war ein Remake der alten Red Hood-Story, dann erschienen noch The Long Halloween, Batman and the Monster Men und The Man Who Laughs als Klassiker im neuen Gewand.

Dann kam Grant Morrison. 2006 hat er die Batman-Serie übernommen und nicht nur mit Bruce Waynes Sohn Damian (Robin IV) angereichert, sondern auch ein sechs Jahre dauerndes Epos über Tod und Auferstehung, bzw. Verschwinden und Rückkehr von Batman geschrieben. Diese Hyper-Story bedient sich so sehr bei den Comics des Silver Age, dass DC dazu eine eigene Compilation herausbringen musste, The Black Casebook, damit Leser die Anspielungen verstanden.

Scott Snyder setzt diese Tendenz seit 2011 fort. Auch er erzählt Geschichten, die mit Verweisen auf die Geschichte durchsetzt sind. Seine Joker-Story Death of a Family ist nichts anderes als ein Remix der größten Joker-Storys, sein Zero Year ist – erklärtermaßen – ein helleres Year One, das sich auch beim Red Hood-Mythos bedient und Frank Miller zitiert.

Auch andere Autoren wie Tom King und James Tynion IV recyceln die Tradition mit Anspielungen und Neufassungen bekannter Geschichten. Tom King zitiert Knightfall und beim Wiedersehen zwischen Bane und Batman geht es nur darum, wer wem das Rückgrat bricht. Und auch sonst scheint er nicht viel mit ihm anzufangen zu wissen. Statt Handlung liefert er bloß seitenlange Dialoge und Monologe.

Sean Murphy hat mit White Knight eine Story geliefert, die nichts anderes als ein Best of vertrauter Motive aus Vorgängergeschichten ist. Keine Frage: eine der besten Batman-Geschichten der vergangenen Jahre, aber kann man noch von einem „selbstständigen“ Comic sprechen, wenn so viel davon auf Althergebrachtem beruht? Geht es überhaupt noch anders, oder ist das die Falle, in der Batman steckt und stecken muss?

Schließlich lautet die Frage: Ist Batman auserzählt? Nein, das ist er nicht. Kann nicht sein. Darf nicht sein. Batman ist als unendliche Geschichte angelegt. Man könnte genauso argumentieren, es wären grundsätzlich schon alle Geschichten erzählt – aber das ist kein Grund, trotzdem neue zu erzählen. Aber: Es wird immer schwieriger, die Leser zu überraschen und zu begeistern, alte Leser zufriedenzustellen und neue zu gewinnen, ohne sie zu überfordern. Das ist schwierig. Es stehen uns harte Zeiten bevor, Autoren wie Lesern.

Die Scarecrow-Therapie

Batman Kings of Fear

DC Comics

Titel: Batman: Kings of Fear (dt. König der Angst)

Autor/Zeichner: Scott Peterson/Kelley Jones

Erschienen: 2018-2019 (Mini-Serie #1-6), Hardcover 2019 (dt. Panini 2019)


„I never should have become the Batman.“

Es ist das alte Spiel: Batman schnappt den Joker, bringt ihn nach Arkham und dort macht ihm eine Therapeutin Vorwürfe: Batman sei mitverantwortlich für all die kriminellen Verrückten. Durch ihn fühlen sie sich bestätigt. Dann sind plötzlich alle klassischen Schurken befreit. Batman verdrischt sie im Dunkeln. Nur Scarecrow bleibt am Ende stehen, entführt einen Arkham-Pfleger. Als ihn Batman auf der Flucht einholt, wird er mit einem neuen Angst-Gas traktiert.

Weil Scarecrow findet, dass Batman ernsthafte Probleme hat, beginnt eine Art Therapie. Batman soll ihm erzählen, was ihn bewegt, wie er geworden ist. Batman kann Realität und Halluzination nicht mehr unterscheiden. Er wird mit seinen größten Dämonen konfrontiert. Dann analysiert ihn Scarecrow und zeigt ihm, wie Gotham ohne Batman geworden wäre – nämlich ein besserer Ort. Seine größten Feinde wären nützliche Mitglieder der Gesellschaft. Kurz: Batman ist ein Irrtum …

Batman: Kings of Fear

DC Comics

Kings of Fear erzählt mehr eine innere Handlung als eine äußere. Wir lesen überwiegend Dialog über Selbstdiagnosen. Batman wird mal wieder hinterfragt und dekonstruiert. Seit den 80ern kommt das nicht aus der Mode. Tatsächlich erinnert das Konzept sehr an Grant Morrisons Arkham Asylum (1989) und Scarecrow durfte Batman bereits in Cycle of Violence (2012) analysieren. Die Spannung hält sich in Grenzen. Und als die Scarecrow-Handlung beendet ist, kommt noch ein viel zu langer Epilog, in Gordon und Alfred und eine Ärztin Batman versichern, warum er doch gebraucht wird. Alle paar Jahre braucht DC offenbar so eine Geschichte, auch wenn man das Gefühl hat, das schon zu oft gelesen zu haben.

Aber zum Glück sind da noch die wie immer schaurigen Zeichnungen von Altmeister Kelley Jones (Red Rain, Gotham After Midnight). Der scheint im Alter immer besser zu werden. Seine Albträume sind reiner Horror, niemand zeichnet Schurken monströser als er, gerade Scarecrow gelingt ihm auf jeder Seite sehr lebendig – und selbst Batman wirkt gruselig. Zugleich zeichnet Jones die Gesichter der Menschen viel realistischer, also weniger karikaturenhaft als in den 90ern. Zusammen mit einer breiten, leuchtenden Farbpalette können sich die tuschelastigen Zeichnungen zu einem psychedelischen Erlebnis entfalten.

Zusammen mit dem Text von Scott Peterson (ein früherer DC-Redakteur) entsteht zwar überdurchschnittlich intelligente Unterhaltung, aber eben keine innovative. Wer sich noch nicht an kritischen Batman-Analysen sattgelesen hat und eine Pause von der Action braucht, der wird hier seine Freude haben. Ansonst ist Kings of Fear aber vor allem ganz große visuelle Kunst.

>> Liste der Scarecrow-Comics