Monat: September 2014

Kein Patent auf gute Storys

Batman: Strange Apparitions

Titel: Strange Apparitions

Autor/Zeichner: Steve Englehart, Len Wein/Marshall Rogers, Walt Simonson

Erschienen: 1977/1978 (Detective Comics #469-479), Paperback 1999; dt. Panini 2012 (Batman Collection: Marshall Rogers), Eaglemoss Collection 2015 (Im Zeichen des Jokers)


 

„But the fish share my unique face! If colonel what’s-his-name can have chickens, when they don’t even have mustaches –!“ (Joker)

Obwohl die Geschichte unter einem Titel zusammengefasst wurde und ein linearer Zusammenhang besteht, ist es schwer, hier von einer Story zu sprechen. Im Grunde sind es sechs Geschichten, die aufeinander folgen. Batman begegnet einem radioaktiven Glühwürmchen namens Dr. Phosphorus, dann Hugo Strange, dem Pinguin, Deadshot, Joker und Clayface. Den roten Faden bilden Nebenhandlungen mit Rupert Thorne, der Batman aus der Stadt haben will, sowie Bruce Waynes Liebschaft mit Silver St. Cloud. Aber ein Spannungsbogen ergibt sich nicht.

Die meisten dieser Geschichten mögen für die späten 70er vielleicht was hergegeben haben, aus heutiger Sicht sind sie altbackene Standardware. Vor allem die Erzählung, in der der Joker, Fische zum Lächeln bringt (The Laughing Fish), um sie patentieren zu lassen, hat zwar einen ungewöhnlichen Ausgangspunkt, ist aber sonst ziemlich schwach, vor allem, weil sie sich zu stark bei der ersten Joker-Story in Batman #1 bedient.

Die interessanteste Geschichte ist die um Hugo Strange. Der kommt nämlich zufällig hinter Batmans Geheimidentität, nimmt dessen Position als Bruce Wayne ein, um ihn auszunehmen und zu ruinieren, und veranstaltet eine Auktion, bei der er den Namen an den meistbietenden Schurken zu versteigern versucht. Wie man sich denken kann, wird das Schlimmste verhindert. Dafür gibt es aber eine Frau, Silver St. Cloud, die ebenfalls eins und eins zusammenzählt und herausfindet, dass der Mann den sie liebt, nachts gerne Verbrecher verprügelt. Die Schlussfolgerung daraus kann nur eine Tragische sein: Die Beziehung zerfällt.

Die filigranen Zeichnungen von Marshall Rogers entschädigen für die Kritzeleien eines Walt Simonson und das insgesamt mäßige Storytelling. Aber vielleicht muss man diese 70er-Jahre-Geschichten auch mit anderen Augen sehen. Immerhin gelten sie als einflussreiche Klassiker. (In den 80ern diente Strange Apparitions zunächst als Vorlage für das Drehbuch des geplanten Batman-Films, der erst 1989 von Tim Burton realisiert wurde – allerdings mit einem ganz anderem Script.)

Zwei der Storys wurden für Episoden der Animated Series wiederverwendet. Die Grundidee der Hugo Strange-Story wurde in „The Strange Secret of Bruce Wayne“ (S01E37) aufgegriffen; dort bieten Joker, Two-Face und Pinguin um ein Videoband, auf dem Strange Bruce’s Trauma aufgezeichnet hat.

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In „The Laughing Fish“ (S01E34) erzählt Paul Dini die Joker-Story neu, wobei er sich zwar überwiegend an die Vorlage hält (zum Teil sogar wörtlich), er aber ein wesentlich spannenderes Finale mit einem Haifisch-Kampf erzählt (der ist „The Joker’s Five-Way-Revenge“ entlehnt). Vor dem Hintergrund der lachenden Fische allerdings erscheint die später in Mad Love zum Tragen kommende Idee mit den grinsenden Pyranhas wie ein Abklatsch … (wenn auch ein guter!)

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(Dieser Artikel wurde am 6.11.2017 überarbeitet und aktualisiert.)

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Sauberer Bulle, dreckige Stadt

Gotham

Gotham ist eine Batman-Serie ohne Batman. Im Mittelpunkt steht die Anfangszeit des Polizisten James Gordon, der versucht, den Mord an der Familie Wayne aufzuklären. Nebenbei erfährt man die Entstehungsgeschichten von Batmans Schurken. Das ist reißerisch, unterhaltsam, aber nicht zwingend sehenswert.

Die Vorgeschichte ist ein zweischneidiges Schwert. Zum einen ist es hilfreich, eine zu erzählen, wenn man den Charakteren Tiefe verleihen will. Doch während man die Motive erklärt, läuft man Gefahr, in küchenpsychologische Klischees zu verfallen: schlimme Kindheit – böse Taten etc. Zum anderen erlaubt das Erzählen von Vorgeschichten, die Abenteuer beliebter Figuren fortzusetzen, aber dabei läuft man Gefahr, sich auf den Vorläufern auszuruhen und nichts anderes zu bieten, als das, was man erwartet. Und jeder weiß, dass es interessanter ist, zu erzählen „Darth Vader ist Anakin Skywalker“ als „Anakin Skywalker wird Darth Vader“.

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Batman ist ein anderer

perchance to dream

Titel: Perchance to Dream (dt. Der Alptraum)

Regie/Autor: Boyd Kirkland/Laren Bright, Michael Reaves, Joe R. Lansdale

Erschienen: 1992 (Batman: The Animated Series, S01E30)


Seltsam: Eben noch ist Batman in eine wilde Verfolgungsjagd verwickelt, am nächsten Morgen wacht er auf und weiß nicht mehr, wie er hergekommen ist. Das eigentliche Problem ist aber: Niemand weiß, dass er Batman ist. Alfred hat noch nie etwas von Robin gehört, auch fehlt der Eingang zur Bathöhle. Bruce Wayne ist mit Selina Kyle verlobt und seine Eltern leben. Eigentlich müsste damit alles gut sein, aber Bruce Wayne wird die Überzeugung nicht los, dass hier einiges nicht stimmt. Denn Batman gibt es zwar – aber er ist ein anderer. Es kommt zwangsläufig zu einer aufschlussreichen Konfrontation.

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Was sich liest, wie eine Elseworlds-Geschichte ist in Wirklichkeit eine Art künstlicher Traum, mit der Batman vom Mad Hatter ruhig gestellt worden ist. Die Story ist nicht nur wegen ihrer albtraumhaften Stimmung interessant, sondern auch weil sie Filme wie Matrix und Inception vorwegnimmt.

 

Wie die Fledermaus zum Kinde kam

Batman: Son of the Demon

Titel: Son of the Demon

Autor/Zeichner: Mike W. Barr/Jerry Bingham

Erschienen: 1987 (One-shot)


 „… forego your control, your discipline … just once, let yourself go … and take me with you.“ (Talia al Ghul)

Eine unbekannte Bande überfällt ein Chemiewerk, nimmt Geiseln und Batman rettet den Tag. Am Tatort ist auch Talia al Ghul, Tochter des Erzfeindes Ra’s. Sie leugnet jegliche Beteiligung an dem Überfall, also fliegt man gemeinsam zu Papa nach Hause, wo Ra’s dem Detektiv klarmacht, dass sie gegen einen gemeinsamen Feind kämpfen: Qayin, den Mann der Ra’s Frau getötet hat, ist mit den Jahren ein Superschurke geworden, der mit einem Wetter-Satelliten die Welt in den dritten Weltkrieg stürzen will. Während Gegner zu Verbündeten werden, kommen sich Batman und Talia wieder näher, erneuern ihre Ehe und vollziehen sie. Das Resultat dürfte bekannt sein, der Titel verrät es, daher bitte ich den Leser, mir den Spoiler zu verzeihen: Sie zeugen ein Kind.

Und obwohl Son of the Demon noch kein Elseworlds-Logo trägt, hat es lange als nicht-kanonische Story gegolten, bis Autor Grant Morrison ihre Grundidee wiederaufgegriffen und mit Damian Wayne Robin V geschaffen hat.

Ansonsten ist das Buch ein solides Abenteuer im klassischen Gewand – also ohne große Überraschungen oder ausgefeilte Dialoge, dafür mit den üblichen Schwächen. Wie so oft geht manches zu schnell, wie etwa Ra’s Allianz mit Batman und der Kuhhandel, der Talia betrifft, geht auch allzu leicht vonstatten. Eigentlich will Batman nur einen Schurken fassen und dann lässt er sich spontan auf eine Ehe mit einer Frau ein, die einen größenwahnsinnigen Psycho zum Vater hat. Jerry Bingham ist ein fähiger Zeichner, der seinen Figuren Ausdruck und Schwung verleiht, Mike W. Barr ein Autor, der mit dieser Graphic Novel eines seiner besseren Werke abgeliefert hat.

(Für IGN ist Son of the Demon das fünftbeste Batman-Buch aller Zeiten, zudem die beste Ra’s-Story.)

Hinweis: Son of the Demon wurde zusammen mit den beiden anderen Teilen der Trilogie, Bride und Birth of the Demon, in dem Sammelband Batman: Birth of the Demon (2012) aufgelegt.

Das Durchbrechen der Kette

Batman: Night Cries

Titel: Night Cries (dt. Ein Schreien in der Nacht)

Autor/Zeichner: Archie Goodwin/Scott Hampton

Erschienen: 1992 (One-shot)


„Blinde Fledermäuse bewegen sich problemlos an Hindernissen vorbei, doch taube Exemplare verirren sich hilflos.“

Zwei Familien werden brutal abgeschlachtet. Zunächst scheint es um einen Drogenkrieg zu gehen, doch dann stellt sich heraus, dass die Verbindung zwischen den beiden Fällen im Kindesmissbrauch besteht – höchst ungewöhnlich für eine Batman-Story. Warum das so ist, zeigt sich auch am Ende, wenn die Fledermaus an der Erkenntnis verzweifelt, dass sie zwar viele Verbrechen sieht, verhindern oder rächen kann, aber für die unzähligen Schreie der Kinder taub ist. Batman ermittelt zusammen mit dem frischgebackenen Comissioner Gordon. Bei diesem hängt mal wieder der Haussegen schief, weil das Privatleben wegen der Arbeit leidet und er sich daher die Frage gefallen lassen muss, warum er als Polizeichef immer noch auf der Straße ermittelt. Zudem muss er auch sein Kindheitstrauma bewältigen, von seinem Vater geschlagen worden zu sein. Damit wird der Fall auch zum persönlichen Anliegen, die Kette der Misshandlung zu durchbrechen.

Comic-Altmeister Archie Goodwin schafft es mit seiner Story den Leser im Unklaren zu lassen und einige falsche Fährten zu legen. Dazu passen die gemalten Panels von Scott Hampton, die diesen Band erst veredeln. Die Bilder sind häufig so dunkel bis schwarz, dass man erst auf den zweiten Blick etwas erkennt, unscharfe Konturen lassen die Figuren mit den Hintergründen verschwimmen. So schafft der Künstler eine bedrückende Atmosphäre, die dem ohnehin schon düsteren Thema gerecht wird. Ein Band für Anspruchsvolle, für dunkle Herbstabende – oder lieber was für sonnige Tage, wenn es einen nicht so sehr runterzieht.

Fanboy Bruce Wayne

Beware the Gray Ghost

Titel: Beware the Gray Ghost

Regie/Drehbuch: Boyd Kirkland/Dennis O’Flaherty & Tom Ruegger (Story), Garin Wolf & Tom Ruegger (Teleplay)

Erschienen: 1992 (The Animated Series S01E18)


Nicht Zorro hat Bruce Wayne dazu inspiriert, ein maskierter Vigilant zu werden, sondern der Gray Ghost (dt. das Graue Phantom). Nie gehört? Dabei war er für den jungen Bruce der Serienheld schlechthin. (Jedenfalls im Animated-Universe.) Ein cooler Typ mit Hut, Umhang und einer seltsamen Brille, der Schurken wie dem Mad Bomber das Handwerk legt. Begeistert verfolgte Bruce die Sendung zusammen mit seinem Vater. Jahre später, terrorisiert ein Unbekannter, der sich ebenfalls Mad Bomber nennt, Gotham City. Da fällt Batman die Serie seiner Jugend ein, doch als er sie im Archiv einsehen will, ist sie verschollen. Also sucht er den ehemaligen Gray Ghost-Schauspieler Simon Trent auf, um ihn um Hilfe zu bitten. Der Alte ist jedoch arbeitslos, finanziell ruiniert und ohne Selbstvertrauen. Es braucht einige Überredungskunst, bis sich Trent darauf einlässt, ein echter Verbrechensbekämpfer zu werden – selbstverständlich im Gray Ghost-Kostüm.

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Diese Folge ist in vielerlei Hinsicht interessant wie liebenswürdig. Zum einen ist da der Aspekt der Hommage an die den Pulp-Fiction-Helden  The Shadow, der als Vorbild für Batman diente. Der Stil der alten Serials wird mustergültig aufgegriffen und mit der Zeichentrickserie enggeführt. Zum anderen bekommt der Charakter Bruce Wayne Tiefe verliehen, indem wir ihn als begeistertes Fernseh-Kind erleben und auch später als einen wahren Fanboy, der sich in der Bathöhle einen Schrank mit Gray Ghost-Merchandise einrichtet. Schließlich wird Wayne sogar zum Wohltäter für den Schauspieler Trent, indem er ihn am Ende wieder dem Publikum in Erinnerung ruft und zu einer zweiten Karriere verhilft. Kurzum: Eine perfekte Episode, in der am deutlichsten wird, wie viel Nostalgie in dieser Serie mitschwingt.

Was zählt, ist nur die Oberweite

Batman: Thrillkiller

Titel: Thrillkiller/Thrillkiller ’62

Autor/Zeichner: Howard Chaykin/Dan Brereton

Erschienen: 1997/1998 (#1-3, One-shot)


Was wäre, wenn … es zuerst Batgirl und Robin gegeben hätte, Bruce Wayne nur Detective bei der Polizei wäre und der Joker eine Frau? Davon geht Thrillkiller aus. Die vierteilige Elseworlds-Story spielt in den Jahren 1961 bis 1962. Das dynamische Duo mischt „knüppelschwingende Bullen“ auf, die gegen Studentenproteste vorgehen, legen sich aber auch mit der Unterwelt und korrupten an – wogegen aber Papa Gordon bei der Polizei vorgehen muss.

Wir sehen, wie Bruce Wayne zu Batman wird, einer ambigen moralisierenden Figur, die einerseits protestierende Studenten in die Bibliothek verdonnert und andererseits der Polizei den Rat gibt, sich nicht wie die Gestapo zu verhalten. Das war’s aber auch schon in Sachen Charaktertiefe. Robin, der eine bemüht europäische Herkunft erhält („Richard Graustark“?!), wird zum größten Waschlappen der Story; einzig sein Kostüm mit der College-Jacke überzeugt. Dass Barbara Gordon zur Batgirl geworden ist, nachdem sie ihre Mutter in einer fledermausförmigen Blutlache hat sterben sehen, wirkt ebenso konstruiert wie die Erklärung, warum sie Wayne Manor bewohnen darf.

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Die Freuden des Freudianers

The Batman of Arkham

Titel: The Batman of Arkham

Autor/Zeichner: Alan Grant/Alcatena

Erschienen: 2000 (One-shot)


Was wäre wenn … Bruce Wayne im Jahr 1900 Psychiater und Leiter von Arkham Asylum wäre?

Dann wäre er ein Freudianer, Philanthrop und natürlich auch Batman. In Alan Grants Elseworlds-Story erscheint Wayne als fortschrittlicher Arzt, der – anders als zu der Zeit üblich – seine Patienten nicht wegsperrt und unterdrückt, sondern zu heilen versucht. Bei Killer Croc hat das offenbar funktioniert, nun versucht Wayne sein Glück auch mit Poison Ivy, dem Bauchredner und Two-Face. Die Frage, die ihn dabei beschäftigt ist, was Menschen zu Mördern macht. Die Antworten darauf fallen unterschiedlich aus.

Wie üblich vertritt der Joker die steilste These: „The whole world is a death factory! Sooner or later, everybody dies … What matter if I hasten things along? Some might say I’m doing everybody a favor!“ Gesagt, getan. Der Joker tyrannisiert die Stadt mit seinem berüchtigten Lachgas. Als Batman eine Dosis abbekommt, kann er das Lachen nicht lassen und wird selbst Patient in Arkham. Dort übernimmt Dr. Crane die Leitung, was einer Schreckensherrschaft gleichkommt. Crane macht allen Fortschritt Waynes zunichte, er glaubt an die Macht der Angst. Nicht von ungefähr hat er den Schatten einer Vogelscheuche …

Wie so häufig bei Alan Grant ist auch diese Story voller Grübeleien über Gott und die Welt: „Gotham has always been synonymous with insanity“, sinniert Wayne. „The city has always carried the taint of madness. Is it someting in the water, perhaps … or even in the air itself?“ Für Two-Face ist die Ursache globaler Natur: „The world is an irrational place, doctor. Men fight wars, burn cities, torture each other. How can a product of this madness ever make a rational decision?“

Das gerade einmal 48 Seiten umfassende Buch ist vor allem formal interessant, nicht nur wegen der schön düsteren Zeichnungen von Alcatena, sondern auch weil die Panels in Jugendstil-Ornamenten untergebracht sind. Batman ist in einem Kostüm unterwegs, das an das von 1939 erinnert. Außerdem gibt es eine schöne Variation des Elternmordes – er findet bei einer Zirkusvorstellung statt, in der gerade Clowns das Publikum zum Lachen bringen … Man kann jedes Trauma noch steigern.

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