Monat: Juli 2014

Das Gesicht als Maske, die Maske als Gesicht

Batman: Death of the Family

DC Comics

Titel: Death of the Family (Batman Vol. 3) (dt. Der Tod der Familie)

Autor/Zeichner: Scott Snyder, James Tynion IV/Greg Capullo, Jock

Erschienen: 2012 (Batman #13-17, Detective Comics #16-17 (The New 52)), dt. Panini 2013 (Batman #15-19), Paperback 2015


„… the ugly truth of it, kiddies, is that deep down, beneath it all … Batman loves me more than he loves you.“ (Joker)

Er ist wieder da: Ein Jahr nachdem sich der Joker vom Dollmaker hat das Gesicht abschneiden lassen, kehrt der Clown zurück, um einen persönlichen Rachefeldzug gegen Batman und Co. zu führen. Die Geschichte beginnt stark: Kaum, dass Bullock seinem Chef Gordon von bösen Omen erzählt, die auf ein großes Unglück hinweisen, gibt es auf der Polizeiwache Stromausfall, der Joker bricht ein und während Gordon mit seinen Leuten buchstäblich im Dunkeln tappt, geht der Joker herum und bricht einzelnen Beamten das Genick. Kurz darauf geht das Licht an, Batman erscheint – und das Joker-Gesicht ist aus der Asservatenkammer verschwunden.

Was der Joker vorhat, ist lange Zeit nicht klar: Er reinszeniert seine ersten Aktionen wie die angekündigten Morde, übertrifft sich dabei selbst an Grausamkeit und Unberechenbarkeit, aber er entführt auch Alfred Pennyworth. Abgesehen von der üblichen Katz-und-Maus-Jagd, die der Joker mit Batman spielt, muss sich der Held die quälende Frage stellen, ob der Clown dessen wahre Identität kennt. Für den Joker ist das alles eine große Abrechnung mit seinem Rivalen, er will ihm vorführen, wie es wirklich um ihr Verhältnis steht und wer seine wahre Familie ist.

In der Wiederholungsfalle

Wieder einmal versteht es Autor Scott Snyder, seine Story packend zu erzählen. Schon allein die erste Seite ist großartig: Gotham in einer Regennacht, ein Lieferwagen am Steg vor dem Gotham River, die roten Lichter gehen an, er setzt zurück und fährt der Stadt entgegen, das Ortsschild spiegelt sich in der Windschutzscheibe, wir wissen nicht, wer drin sitzt – und doch ahnen wir es. Wie schon bei The Court/The City of Owls überraschen auch hier viele unerwartete Wendungen, die das Motiv des Jokers bis zuletzt offen halten. Das Finale ist ähnlich schaurig wie die Labyrinth-Sequenz bei The Court of Owls, nur dass hier Arkham zur Kulisse für den Wahnsinn wird. Zeichner Greg Capullo wird dieses Mal unterstützt von Jock, der mit seinen unruhigen Strichen schon verstörende Bilder für The Black Mirror geschaffen hat.

Bei aller Kreativität, die man von Autor Scott Snyder sonst kennt, steckt er hier jedoch in der Wiederholungsfalle: Die ganze Geschichte ist gespickt mit Zitaten der Batman-Tradition, von The Killing Joke über The Man Who Laughs (bzw. Batman #1 von 1940) bis hin zum titelgebenden A Death in the Family. Es gibt einen Auftritt als Red Hood im ACE-Chemiewerk, es gibt eine Szene an Gothams Wasserreservoir und es gibt auch eine Anspielung auf das Töten eines Rotkehlchens mit einem Breicheisen … Hier zeigt sich die Schizophrenie des Reboots: Einerseits will man Fans bedienen, andererseits Neueinsteiger gewinnen. Doch mit all den Anspielungen wird deutlich, dass ein Neubeginn nicht möglich ist, wenn 25 Jahre Comic-Geschichte vorausgesetzt werden. Dies ist kein Reboot, denn offenbar behalten die alten Geschichten nach wie vor ihre Gültigkeit. Andererseits frage ich mich, ob Fans nicht eher gelangweilt als erfreut darüber sein könnten, dass hier nichts Neues erzählt wird.

Der Jokers als Spieler

Immerhin gelingt es Snyder beim Finale in Arkham, ein neues Szenario zu schaffen – auch wenn er sich im Prinzip bei Grant Morrisons Arkham Asylum (1989) bedient. Hier wie da wird Batman vom Joker in das Tollhaus geführt, begegnet der Reihe nach seinen alten Gegnern und muss sich vom Joker anhören, dass sie seine eigentliche Familie sind. Und damit rührt der Erzschurke am wichtigsten Thema: Batman braucht seine Gegner mehr als seine „Familie“. Dem Leser leuchtet das ein. Und es gibt zu bedenken, ob drei Robins und ein Batgirl wirklich nötig sind …

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Death of the Family (DC Comics

Snyder schafft es bei aller Wiederholung dem Joker drei neue Aspekte abzugewinnen. Erstens spielt der Joker die Rolle des Hofnarrs, der Batman die bittere Wahrheit zuträgt. Zweitens ist er ein Spieler, der das Spiel um seiner selbst Willen treibt und dem es egal ist, wer hinter Batmans Maske steckt, weil die Maske zum Spiel gehört – ebenso wie Jokers Gesicht. (Allerdings deutet das auch schon Grant Morrison an …) Drittens – und das ist das Wichtigste – erscheinen Batman und Joker nicht wie Antipoden, sondern wie Gleichgesinnte, Seelenverwandte, also wie zwei Seiten einer Medaille. Nicht nur das Symbol des zweiköpfigen Löwenbabys zeigt das, auch Harley Quinn spricht es explizit aus, als Batman im Chemietank feststeckt: „Maybe you’ll be the next one. Like I always thought you would. Maybe you’ll come back like he used to be, back then … beautiful.“ Batman als der neue Joker? Am Ende ist es sogar die ganze Bat-Familie, der der Joker wenigstens für kurze Zeit seine Fratze aufsetzt.

Ein großes Lesevergnügen

Warum sich der Joker hat sein Gesicht abschneiden lassen, bleibt jedoch bis zum Schluss offen. Vielleicht weil so das Gesicht zur Maske wird, im Gegensatz zu Batman, dessen Maske das Gesicht ist. Vielleicht ist es aber auch trivialer: Weil er der Joker ist, weil er verrückt ist – und um der furchteinflößenden Figur noch mehr Schrecken abzugewinnen. Damit am Ende nur noch ein faulender Lappen Fleisch an seinen Kopf getackert ist, den die Fliegen umkreisen. Das ist so drastisch, dass ich mich frage, wie man das noch steigern will. Aber vielleicht muss es das auch nicht. Zu kritisieren ist allerdings, dass der Joker nicht den Mitgliedern der Familie ihre Gesichter abgeschnitten hat, sondern die Tat nur inszeniert. Das erscheint angesichts seiner sonstigen Skrupellosigkeit inkonsequent. Aber offenbar wollten die Autoren so viel Grausamkeit den Helden gegenüber ihren Lesern nicht zumuten.

Trotz aller Kritik ist Death of the Family ein großes Lesevergnügen. Nur die Einbindung von Detective Comics, wo es um die Nacheiferer des Jokers geht, hätte man sich sparen können. Besser ist es, nicht der chronologischen Ordnung zu folgen, sondern den dritten Batman-Band am Stück zu lesen. Wer alle Stücke der Story haben will, dem sei zusätzlich der Sammelband Joker: Death of the Family empfohlen.

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Ziemlich ätzend

Detective Comics 2: Scare Tactics

Titel: Scare Tactics (dt. Die Maske des Schreckens)

Autor/Zeichner: Tony Daniel (u.a.)

Erschienen: 2012 (Detective Comics #8-12, #0, Annual #1 (The New 52)), Paperback 2013; dt. Panini 2013 (Batman #13-14), Paperback 2014


„The death of your parents is the best thing that could happen to you. It freed you from the constraints of mortality. You are destined to be more than human… You are destined to soar like a god. “ (Shihan Matsuda)

Der zweite Sammelband der neuen Detective Comics ist ein Potpourri an Geschichten und Figuren – leider wird kaum etwas davon im Gedächtnis bleiben.  Das erste Heft erzählt eine Scarecrow-Story, die Catwoman und den bereits im ersten Band eingeführten Sohn von Hugo Strange involviert, aber auf den wenigen Seiten keinen Platz bekommt, einen Spannungsbogen Hier werden bloß bekannte Figuren vorgezeigt, ohne etwas Interessantes mit ihnen anzufangen. Bruce Waynes Verhältnis zu seiner Freundin, die im ersten Band eingeführt wurde, spielt kaum noch eine Rolle.

Die zweite Story bildet das Arkham-Kapitel der Night of the Owls, bevor die drei nächsten Ausgaben einem neuen Schurken gewidmet ist: Mr. Toxic. Nicht nur der Name klingt lachhaft, als käme er aus dem Golden Age, auch das Kostüm des Kerls ist nicht gerade einfallsreich. Ein Kerl in einer Rüstung, natürlich mit Muskeln bepackt, trägt eine an Red Hood erinnernde Haube, die – Achtung! – mit einem Totenkopf und gekreuzten Knochen bemalt ist – ziemlich ätzend … In dieser Story wirft Batman nur so mit irgendwelchen pseudo-physikalischen Fachbegriffen um sich, nur um einer ziemlich trivialen Handlung so etwas wie eine Glaubwürdigkeit zu verleihen. Dabei fängt sie eigentlich ganz interessant an: Mit einer Gruppe als Batman verkleideter Räuber. Nur leider wird bis zum Ende nicht klar, warum sie sich gerade so verkleidet haben …

Detective Comics #0, das von einem Kampf von Black Mask gegen den Mad Hatter handelt, ist ebenfalls nicht der Rede wert. Interessant wird es erst am Ende des Bandes (Detective Comics #0), denn dort bekommt man zwei Kapitel aus Batmans Vorgeschichte zu lesen: Zunächts eine Episode aus Bruce Waynes Ausbildung im Himalaya, dann sehen wir seine Heimkehr. Das ist zwar etwas zusammenhanglos, aber es macht Lust auf das Zero Year, das später in Batman erzählt wird. (Leider ist auch die Himalaya-Episode nicht ganz logisch, aber ich will nicht zu viel vorwegnehmen.) Zum Schluss (im Annual #1) gibt es eine passable Two-Face-Story und eine Hinführung zu der Joker-Storyline Death of the Family – beide überzeugen eher durch die Bilder von Szymon Kudranski als die Handlung.

Während Batman die großen Stories erzählt, wird Detective Comics wohl nur die kleinen und zweitrangigen Beiträge leisten.

Gesichtsverlust

Detective Comics 1: Faces of Death

Titel: Faces of Death (dt. Gesichter des Todes)

Autor/Zeichner: Tony Daniel

Erschienen: 2011-2012 (Detective Comics #1-7 (The New 52)), Hardcover 2012; dt. Panini 2012-2013 (Batman #1-4), Paperback 2013


Der Neustart der Detective Comics hat es in sich: Gleich zu Beginn lässt sich der Joker von einem Unbekannten sein Gesicht abschneiden – bei lebendigem Leib. Das ist wohl eine der abartigsten Szenen, die die Figur je gehabt hat. Wie gut, dass man mit den Details verschont wird. Dafür gibt es andere Drastik: Nachdem beim ersten Versuch nicht der richtige Mann erscheint, metzelt ihn der Joker dahin. Als er anschließend eine Batman-Drohne neben sich schweben sieht, sagt er nur: „This is a violation of my civil rights! A man should be able to slaughter in peace!“ Ein Punkt für den schwarzen Humor …

Die erste Storyline handelt vom Dollmaker, einem Mörder mit einer Vorliebe für plastische Chirurgie und Masken aus Menschenfleisch, eine Art Frankenstein mit Rasta-Locken. Es wäre ein abgründiges Stück Splatter-Thriller, wenn es nicht etwas abgehetzt und holprig erzählt werden würde. Immer wieder musste ich zurückblättern, weil ich mich fragte, ob ich etwas verpasst hatte, aber nein, da war Autor Tony Daniel nur über einige Plot Holes gesprungen. Am Ende bleibt man etwas ratlos zurück, nicht nur, weil keiner der Schurken gefasst wird, sondern weil viele Fragen offen bleiben. Tony Daniel macht das, was für Serien üblich ist: Er spart sich Erklärungen für später auf. Darunter leidet aber die Glaubwürdigkeit und Spannung seiner Handlung. Im Gegensatz zu seinem Kollegen Scott Snyder, der für die Batman-Serie verantwortlich ist, versteht Daniel nichts von einer subtilen Erzählweise, hier zählen nur Action und Drastik.

Zwischendrin wird man immer wieder an die Sache mit dem Joker erinnert, den Gesichtsverlust und sein Verschwinden. Irgendwelche Anhänger werfen Batman vor, den Joker getötet zu haben. Was das für Leute sind, wird nicht geklärt. Zudem muss Batman sich gegen die Polizei durchsetzen. Daran merkt man, dass Detective Comics vor der Batman-Serie angesiedelt ist, auch wenn es später Überschneidungen mit ihr gibt. Das übliche Chaos der multiplen Serie also.

Lauter B-Schurken

Nach einem kurzen Intermezzo mit Catwoman und Hugo Strange, das vor allem wegen seiner Bilder interessant ist, bietet der erste Band Detective Comics in seinen letzten drei Kapiteln eine Story um den Pinguin und die Eröffnung seines Iceberg Casinos. Der Pinguin verbündet sich mit einigen B-Schurken, während andere B-Schurken versuchen, ihn auszunehmen. Am Ende ist alles ganz anders als gedacht – egal. Auch hier ist das Problem, dass alles zu schnell geht. Tony Daniel setzt auf Action, nicht Erklärungen. Nebenfiguren werden im Eilverfahren eingeführt. Bruce Wayne ist mal wieder in eine Reporterin verliebt (in der alten Serie war es Vicky Vale), nur dass er diesmal schon mit ihr zusammen ist (was der Beziehung die Spannung nimmt). Diese Freundin hat plötzlich eine missratene Schwester, die den Pinguin ausrauben will und sich gerne eine Clownsmaske aufsetzt, bevor sie Gangster umbringt. Wie bitte? Ja, genau, so ist es …

Wie schon bei der Batman-Serie muss man sich fragen, ob der Reboot von Detective Comics dem Ziel gerecht wird, neue Leser anzusprechen. Denn an keiner Stelle hatte ich den Eindruck, dass hier etwas oder jemand eingeführt wird. Alles ist schon da, jeder kennt jeden und hat seine Vorgeschichte. Tony Daniel arbeitet lediglich die üblichen Verdächtigen ab, als gelte es, gleich im ersten Jahr jeden Schurken einmal zu zeigen, um auch die Erwartungen der alten Fans zu befriedigen. Bis auf die Tatsache, dass alles ein bisschen anders aussieht, könnten die Erzählungen im Grunde auch in der alten Kontinuität spielen.

Fledermaus gegen Eulen

Batman: Court of Owls/City of Owls

Titel: The Court of Owls/The City of Owls (dt. Der Rat der Eulen/Die Stadt der Eulen)

Autor/Zeichner: Scott Snyder/Greg Capullo (u.a)

Erschienen: 2011-2012 (Batman #1-7, #8-12, Batman Annual #1, Detective Comics #9 (The New 52)), dt. Panini 2012-2013 (Batman #5-12), Paperbacks 2013/2014 (Bd. 1/2)


„How I love killing Waynes.“ (Talon)

Im Jahr 2011 startete DC unter dem Titel The New 52 alle seine Heft-Serien neu. Darunter auch die Batman-Serie, unter der Autorschaft von Scott Snyder. Der erste Erzählbogen ist The Court of Owls, der in das Crossover-Event The Night of Owls mündet und in The City of Owls sein Ende findet (wobei es zwischen Night und City Überschneidungen gibt). Ich konzentriere mich hier nur auf die Batman-Serie, nicht auf die Tie-ins. Es beginnt mit einem großen Aufgebot: Gleich auf der zweiten Seite sieht man eine Horde wildgewordener Schurken sich mit Batman prügeln. Fast zu viel des Guten für den Anfang.

Womit wir beim ersten Problem des Reboots wären: Zwar wollte DC mit dem Projekt von vorn beginnen und neue Leser gewinnen, aber beim Lesen dieser Story wird man das Gefühl nicht los, dass man bereits viele Jahre verpasst hat. Alle Hauptschurken sind schon da und auch die Batman-Familie ist vollständig, in einem Panel sind allein drei Figuren zu sehen, die das Robin-Kostüm tragen oder getragen haben: Dick Grayson (Nightwing), Tim Drake (ehemals Robin III, jetzt Red Robin) und Damian Wayne (Robin IV). Textkästen erklären dem Leser, wen er da vor sich hat. Bei allem Neuanfang schreckt auch Snyder nicht davor zurück, Frank Millers Initiationsszene aus Year One zu zitieren, in der eine Fledermaus durch die Fensterscheibe gekracht kommt (was ich immer noch für unglaubwürdig halte, es sei denn es ist eine kranke und besonders starke Fledermaus, was wiederum ein übles Omen wäre), sich auf die Büste von Thomas Wayne setzt und Bruce beschließt: „Yes, father, I shall become a bat.“ Selbst visuell ist das Panel Year One nachempfunden. Das ist kein Zitat mehr, das ist ein Plagiat.

Gimmick: Großmaul

Dennoch gibt es Neuerungen. Dieser Batman ist hochtechnisiert: Seine Kontaktlinsen können Lippenlesen und in Schriftsprache übersetzen, eine Laserabtastung im Leichenschauhaus erspart Batman die Anreise und in der Bathöhle hat er eine Art Iron Man-Rüstung, die sehr an die aus The Dark Knight Returns erinnert. Natürlich ist auch Batman selbst schlauer denn je, er kann sogar am Geschmack des Wassers erkennen, im welchen Teil Gothams er sich befindet und aus welcher Art Marmor das Becken besteht. (Das ist so übertrieben wie amüsant.) Das wichtigste neue Gimmick ist, dass Batman in jeder noch so brenzligen Situation den passenden Spruch parat hat. So viel Großmäuligkeit war bisher selten.

Die Story selbst ist ebenso kreativ wie mitreißend: Ein Killer namens Talon treibt sein Unwesen, verkleidet wie eine Eule. Er gehört dem Rat der Eulen an, einem Geheimbund von Maskierten, der die ganze Stadt infiltriert hat und seit Jahren eine Fehde mit der Familie Wayne austrägt. Es gibt ein Attentat auf Bruce Wayne, später muss auch Batman gegen Talon kämpfen – wobei sich herausstellt, dass der Gegner sich auch vom Tod nicht aufhalten lässt. Snyder lässt sich Zeit, was der Story gut tut. Er beginnt seine Kapitel oft mit Reflexionen über Gotham City, so führt er seine Leser in die Atmosphäre, Geschichte und Mythologie der Stadt ein.

Überraschende Einfälle

Das größte Lob gebührt dem Autor, weil er es versteht, mit einer Reihe guter Einfälle zu überraschen. Zu den Höhepunkten gehört Batmans Gefangenschaft in einem unterirdischen Labyrinth. Der Held wird an die Grenzen seiner physischen und geistigen Kräfte gebracht, Horrorvisionen treiben ihn um. Diese zermürbende Episode hinterlässt einen starken Eindruck. Ebenso bemerkenswert, weil sehr spannend, ist der Überfall der Talons auf Wayne Manor, bei dem sich Batman sehr erfindungsreich erweist und auch Alfred eine große Rolle spielt. Bei allen Ideen, die Snyder hier auffährt, bleiben einige Plot-Holes: Schwer nachzuvollziehen ist es, wie Bruce Wayne den Sturz von einem Hochhaus und wie Batman einen Dolch in den Bauch überleben können. Da hat Snyder ein wenig zu oft den Gott aus der Maschine bemüht.

Die Schwächen der Story machen die großartigen Zeichnungen von Greg Capullo wieder wett: dynamisch und expressiv fangen sie perfekt die beklemmende Stimmung ein, die von den Eulen ausgeht. Besonders in den Covern beweist sich Zeichner als wahrer Künstler.

Batman #6 (The New 52)

Batman #6 (The New 52)

Nach Batman #8 fasert die Geschichte in die Nebenschauplätze aus: Nightwing, Robin, Batgirl und Co. prügeln sich mit den Talons durch Gotham (Night of the Owls). Das kann lesen, wer Lust dazu hat – oder es getrost lassen. Es reicht, bei der Hauptreihe zu bleiben. Etwas ärgerlich ist nur, dass eine Episode, nämlich die in Arkham, in Detective Comics #9 spielt. In Batman #9 entsteht dadurch ein offensichtliches Plot-Hole, wenn Batman ankündigt erst nach Arkham, dann zum Bürgermeisterkandidaten zu fahren und plötzlich bei letzterem angekommen ist. Das ist ein klarer Hinweis: Wen’s interessiert, kaufe sich das andere Heft! Aber es lässt im Erzählfluss eine ärgerliche Lücke und zwingt beim Lesen einen unnötigen Sprung zurück zu machen.

Leider wirkt die ohnehin komplexe Story mit ihrem ausführlichen Hintergrund über Gotham und die Familie Wayne etwas überladen. Die Episode, in der Bruce als Kind sein zweites Trauma erlebt, weil er auf der Suche nach dem Rat der Eulen auf einem Dachboden eingesperrt wird, hätte man sich sparen können. Am Ende erinnert die Story das den Schluss des Films Psycho: Es wird erklärt, dann ein bisschen mehr erklärt und dann noch ein bisschen mehr erklärt. Das Problem an diesem Verfahren ist, dass dadurch Mysterien zerstört werden. Ein langes Kapitel ist ausschließlich der Vorgeschichte gewidmet, immerhin ist sie interessant, da von Alfreds Vater erzählt.

Dennoch: Die erste große Batman-Erzählung nach dem Reboot ist ein lohnendes Lesevergnügen für alle mit einem langen Atem – oder einfach für Freunde großer Epen. Die beiden letzten beiden Anhängsel ergänzen die Handlung nur minimal. Während „Ghost in the Machine“ (Batman #12), eine Story um eine junge Elektrikerin, die Batman helfen will, gänzlich überflüssig ist, ist „First Snow“ (Batman Annual #1) vor allem interessant, weil sie eine neue Entstehungsgeschichte von Mr. Freeze  erzählt und ihm dabei einige neue Seiten abgewinnt. So eine Story rechtfertigt den Reboot von The New 52.

Batmans wahres Zuhause

Arkham Asylum

Titel: Arkham Asylum: A Serious House on Serious Earth

Autor/Zeichner: Grant Morrison/Dave McKean

Erschienen: 1989 (One-shot)


„There’s always a place for you here.“ (Joker)

Dieser Klassiker ist ein Albtraum von einer Geschichte: Die Insassen des Arkam Asylum haben die Anstalt in ihre Gewalt gebracht,  Geiseln genommen und fordern jetzt Batman auf, sich in das Irrenhaus zu begeben. Als dieser kommt, will der Joker ihm demonstrieren, dass der Dunkle Ritter genauso verrückt ist wie seine Feinde und eigentlich hierher gehört. Batman lässt sich auf einen Irrgang durch das Spukschloss ein, bei dem er auf verschiedene Schurken trifft und dabei vor allem mit sich selbst konfrontiert wird. Parallel wird die Geschichte von Amadeus Arkham erzählt, dem Gründer der Anstalt, der sein geerbtes Anwesen der Hilfe für die Geisteskranken gewidmet hat und dabei selbst an die Grenzen seiner Nächstenliebe stößt, als er den Mörder seiner Frau und seines Kindes behandelt.

So weit, so linear. Doch die Bilder, die Dave McKean für diese Geschichte findet, wirken wie ein Zerrbild der ohnehin schon verdrehten Welt von Batman. Hier wird nichts geringeres als der Wahnsinn selbst visualisiert. Die meist schmalen, senkrecht angeordneten Panels sind meistens vor einem seitenfüllenden Hintergrund angeordnet und wirken, als würde ein Nebel über allem liegen, oder vielmehr ein Sandsturm über alles hinwegfegen. Die Figuren sind meist nur Skizzen, mehr zu erahnen als zu erkennen. Das mit Abstand schrecklichste Gesicht trägt der Joker, nie ist seine Fratze so extrem dargestellt worden wie hier: Wilde, rotunterlegte Glubschaugen, Haare wie grüne Flammen, ein blutroter Mund mit riesigen Zähnen. Eine einzige Entgleisung. Der Anti-Clown ist der Zeremonienmeister dieses Gruselkabinetts. Nebenbei bekommen wir eine interessante Diagnose: Der Joker ist nicht verrückt, diagnostiziert eine abgebrühte Ärztin, sondern vielmehr in einem überhohen Maße Herr seines Geistes, gar ein Verstand, der für das städtische Leben des 20. Jahrhunderts angepasst sei. Das gibt zu denken.

Definitiv verrückt ist der Ort Arkham Asylum selbst. Der Mad Hatter vergleicht es mit einem Kopf, der vielleicht sogar der von Batman sei. Das Comic wird zum Horrortrip für den Helden, der hier schwach und gebrochen erscheint. Batman selbst wird wieder einmal mit seinen Dämonen konfrontiert. Zunächst mit einem Rorschach-, dann mit einem Wortassozionstest, schließlich, bei einem Blick in den Spiegel, lässt ihn die Erinnerung an sein Trauma in Selbsthass schwelgen, er zerschlägt den Spiegel und bohrt sich selbst eine Scherbe in die Hand. Das sind Eindrücke, die sich einprägen.

Das Buch ist nichts für sensible Gemüter. Aber trotz aller Abgründigkeit enthält es genug Optimismus, um nicht zu deprimieren. Autor Grant Morrison führt den Kurs fort, den einige Jahre vor ihm Frank Miller und Alan Moore mit Batman eingeschlagen haben. Sein Arkham Asylum ist (neben Year One, The Dark Knight Returns und The Killing Joke) das vierte der wichtigsten Batman-Comics der 80er, weil es alles bisher dagewesene, die Muster der Superhelden-Comics zerstört und das Medium von der Popkultur in die höheren Sphären der Kunst erhebt. Nicht von ungefähr ist es das am häufigsten verkaufte Graphic Novel. Doch auch jenseits dieser engstirnigen Zuordnungen kann man sagen: 25 Jahre nach seiner Ersterscheinung ist es ein Werk, das immer noch gleichermaßen verstört, unterhält und fasziniert. Es ist ein Buch, mit dem man nie fertig werden wird.

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Weitere Arkham-Storys:

Gothams unheilbare Krankheit

Joker

Titel: Joker

Autor/Zeichner: Brian Azzarello/Lee Bermejo

Erschienen: 2008 (One-shot)


„Death, for him — is the punch line.“ (Two-Face)

Eine unerhörte Begebenheit: Der Joker wird aus Arkham entlassen. Warum, ist egal. „I’m not crazy anymore … just mad“, sagt der Joker. Die deutsche Übersetzung „außer mir“ kommt der Doppelbedeutung des Wortes (wütend, wild) sehr nahe, lässt aber die Tatsache außer acht, dass mad auch ein Synonym für verrückt ist und dass es um eine Verschiebung von Nuancen geht. Wie dem auch sei: Nun will der Joker seinen Macht in Gotham zurückerlangen, die ihm während seiner Abwesenheit entglitten ist. Und so schart er Verbündete wie Killer Croc um sich, rächt er sich an seinen Statthaltern – und zwar sehr blutig -, es kommt schließlich zum Krieg mit Two-Face. Der Titel ist Programm, Batman hat erst am Ende einen Kurzauftritt.

Erzählt wird das alles aus der Perspektives eines unbedeutenden Handlangers, Jonny, der den Joker durch die Gegend fährt und dabei ein doppeltes Spiel spielt. Seinen Gedanken folgen wir als Leser, seine inneren Monologe sind etwas wie ein Versuch über das Unfassbare. Er kommt zu der Erkenntnis, dass der Joker nicht krank, sondern selbst eine Krankheit ist: „He was a disease that somehow, with the help of god or the devil — pick your poison — had convinced his doctors he wasn’t diseased anymore.“ Selbst Two-Face wählt diese Methapher, wenn er sagt, die Stadt könne sich diese Krankheit nicht mehr leisten. Und tatsächlich sehen wir den skrupellosesten, brutalsten Joker aller Zeiten: Er häutet einen Menschen bei lebendigem Leibe, in der Nacht überrascht er ein altes Ehepaar im Bett, das er grundlos niedermetzelt, anschließend legt er sich entspannt zu den Leichen.

Doch zugleich erscheint diese Ausgeburt des Teufels auch plötzlich menschlich. Wie das Cover bereits darstellt, ist auch die Geschichte eine Nahaufnahme des Jokers. Anders als in üblichen Batman-Comics sieht man ihn im Alltag seinen Spaß und seinen Ärger haben, man sieht ihn Pillen nehmen und einmal sogar auf den Knien vor Harley Quinn weinen. Trotzdem kommt man ihm nicht näher, diesem unnahbaren Phänomen, auch Jonny verzweifelt schließlich daran, einem Mann nachzueifern, der alles hasst und für den der Tod selbst die Pointe ist. Er ist, denkt sich der Erzähler am Ende, eine Krankheit, für die es keine Heilung gibt – sondern nur einen Batman.

Das Buch kam im selben Jahr heraus, in dem Christopher Nolan in The Dark Knight Heath Ledger als Joker verewigte. Die einzige Verbindung zu dem Film besteht in dem Glasgow-Smile, also den Wangennarben, die der Joker hier wie da trägt. Ansonsten erzählt Autor Brian Azzarello (100 Bullets) eine völlig andere, sehr eigenwillige Geschichte. Der Zeichner, Lee Bermejo, ein wahrer Künstler in der Tradition von Alex Ross, setzt sie kongenial um: Seine Bilder von einem schmutzigen Gotham sind atmosphärisch dicht augefladen und seine Figuren lebensnah gezeichnet. Altbekannte wie Killer Croc, der Riddler und Pinguin erhalten ein neues Aussehen, besonders Batmans Kostüm ist sehr gelungen (mehr davon sieht man in Noel). Schade ist, dass die Zeichnungen nicht durchgängig im typischen Bermejo-Stil gehalten sind (wie bei Noel), sondern häufig mit einem zu kantigem Tuschestrich verschandelt. Aber das ist nur ein Wermutstropfen bei diesem verstörenden Meisterwerk der Erzählkunst.

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Lecken kann tödlich sein

Joker: Devil's Advocate

Titel: The Joker: Devil’s Advocate (dt. Batman – Joker: Des Teufels Advokat)

Autor/Zeichner: Chuck Dixon/Graham Nolan

Erschienen: 1996 (One-shot), dt. Panini 2010


Eigentlich ist es ein Unding, dass es so etwas noch gibt: nicht-selbstklebende Briefmarken. Das führt zu der Unart, dass man sich dazu genötigt fühlt, die kleinen Bildchen abzulecken und mit seiner Spucke in die Welt zu schicken. – Eine Barbarei, verglichen mit anderen zivilisatorischen Errungenschaften. Ein gutes Argument gegen das große Schlecken gibt uns The Devil’s Advocate. Hier endet der Einsatz der Zunge für mehrere Postkunden mit einem tödlichen Grinsen. Nicht nur Der Name der Rose lässt grüßen, die Sache lässt selbstverständlich zunächst an den Joker denken. Doch der hat derweil andere Probleme: Er erstürmt die Post, weil er auf der Briefmarken-Sonderedition mit den berühmten Komikern nicht berücksichtigt wurde. Denn dafür muss man leider tot sein. Nun könnte dieser Zustand für den Joker schneller eintreten, als er hofft, denn für die tödlichen Briefmarken wird er nicht wie sonst üblich nach Arkham gebracht, sondern verklagt und zum Tode verurteilt! Doch der Joker, der sonst gerne mit seinen Taten prahlt, gibt sich entrüstet und beteuert seine Unschuld …

Wie jede Joker-Story lebt auch diese vor allem von seinem Titelhelden. Seine Bekenntnisse bringen den schwarzen Humor in die Geschichte, seine dreisten Psycho-Tricks sorgen für Action. Batman und Robin dienen bloß dazu, die Handlung voranzutreiben, die vor allem Batmans Idealismus geschuldet ist. Den Joker im Gerichtssaal und im Knast sitzen zu sehen, gewinnt der Figur ein paar neue Seiten ab. Sein Wunsch, seine Hinrichtung als Fernsehübertragung zu verkaufen, zeigt wie schon Mad Love, dass es diesem Irren nur um sein Ego geht. Auch wenn die Lösung des Falls arg übertrieben ist, lohnt das Buch die Lektüre – schon allein wegen seiner Pointe am Ende.

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Ein Trio von Besessenen

Mad Love

DC Comics

Titel: The Batman Adventures: Mad Love (dt. Mad Love)

Autor/Zeichner: Paul Dini/Bruce Timm

Erschienen: 1994 (One-shot)


Das ist wohl die Batman-Story, die ich am häufigsten gelesen habe – und jedes Mal mit großem Genuss. Denn Mad Love hat alles, was ein gutes Batman-Comic braucht: Eine mitreißende Story, ausdrucksstarke Bilder und – das ist selten bei Batman – viel Humor! Und dieser ist rabenschwarz, jokerhaft eben und noch gesteigert durch die treudoofe und doch raffinierte Harley Quinn, die eigentliche Hauptfigur von Mad Love. Die ehemalige Psychiaterin ist durch ihre fanatische Liebe zum Joker verrückt geworden und hat sich ihm als Handlangerin angeschlossen. Doch die Hingabe ist nur einseitig, denn der Joker interessiert nur für sich und seinem Rachefeldzug gegen Batman. Das macht Harley wiederum eifersüchtig. Der Joker bekommt den Charakter eines fanatischen Künstlers, für den der Batmans Tod nichts Geringeres ein Meisterwerk sein muss. Dabei stört so eine humoristisch unbegabte Person wie Harley nur. Aber sie ist es, die Batman austrickst und beinahe auf perfekte Weise umbringt – dumm nur, dass sie dem Joker den Witz erklären muss … So entsteht eine interessante, spannungsreiche Dreiecksbeziehung von Besessenen, in der sich alle gegenseitig hassen wie sie einander brauchen.

Mad Love (1. Auflage) (DC Comics)

Mad Love (1. Auflage) (DC Comics)

Nicht von ungefähr hat Mad Love den Eisner Award bekommen. Auch lag es nahe, dass das Comic, das auf der Zeichentrickserie beruht, im Jahr 1999 zu einer Episode adaptiert wurde. Diese ist gut, keine Frage, auch weil sie das Comic als Storyboard verwendet, aber was die Eleganz der Erzählweise und die Dynamik der Bilder von Bruce Timm angeht, kommt sie nicht an dieses grandiose Heft heran, ganz zu schweigen davon, dass die Story fürs Kinderfernsehen entschärft wurde. Für IGN gehört es – völlig zurecht – zu den besten 25 Batman-Comics. Für mich ist es vollendet.

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Das Rotkehlchen und die Brechstange

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Titel: A Death in the Family (dt. Ein Tod in der Familie)

Autor/Zeichner: Jim Starlin/Jim Aparo

Erschienen: Batman #426-429 (1988-1989)


Diese Geschichte ist so berühmt, dass man nicht über sie sprechen kann, ohne den Spoiler vorwegzunehmen. Bereits das Cover zeigt es: Robin II, alias Jason Todd, stirbt – vom Joker mit einer Brechstange totgeschlagen. Eine unerhörte Begebenheit, vor allem weil sie auf unorthodoxe Weise zustande kam. Denn die Mörder waren die Leser. Sie durften in einer Telefonumfrage abstimmen, ob Jason die Prügel mit der Brechstange und eine anschließende Explosion überleben würde oder nicht. Die Figur galt als unbeliebt, doch das Ergebnis war knapp: Etwas mehr als die Hälfte der rund 10.000 Teilnehmer verhängte das Todesurteil. (Was die Autoren nicht davon abhielt, Jason später wiederzubeleben. Ich frage mich nur, welchen Sinn der Titel gehabt hätte, falls Robin überlebt hätte.)

Doch das Buch zu lesen, macht keinen Spaß – es sei denn, man macht sich darüber lustig. Anlass genug gibt es. Jim Starlin erzählt eine hanebüchene Geschichte, in der einerseits Jason Todd seine echte Mutter sucht und andererseits der Joker versucht, eine Atomrakete an arabische Terroristen zu verkaufen. Das sind schon mal zwei Plots, die wenig miteinander zu tun haben. Dennoch: Zufällig führen beide Wege in den Libanon. Doch damit nicht genug der Zufälle: Eine der potenziellen Mütter ist CIA-Agentin, eine andere eine Schurkin, die dritte dreht krumme Dinger als Entwicklungshelferin in Äthiopien und ist Handelspartnerin vom Joker. Den Gipfel der Dummheit erreicht die Story, als der Iran den Joker – einen weltbekannten Massenmörder – zu seinem Diplomaten ernennt und der Joker die Gelegenheit nutzt, um alle Vertreter der Vereinten Missionen zu töten. Das Ganze ist pathetisch, arg konstruiert, unglaubwürdig und lächerlich. (Besonders peinlich, wenn der Joker seinen iranischen Mitstreiter einen Araber nennt.) Dieser Todesfall in der Familie ist keine Träne wert. Der einzige Grund, weshalb diese Story als eine der wichtigsten gehandelt wird, liegt in seiner Bedeutung für die Batman-Historie und den Kanon. Ansonsten ist sie entbehrlich.

(Warum IGN diesen Schmarrn in seine Top 25 aufgenommen hat, ist mir schleierhaft.)

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Wie der Joker das Lachen lernte

The Killing Joke

Titel: The Killing Joke (dt. Lächeln, bitte!)

Autor/Zeichner: Alan Moore/Brian Bolland

Erschienen: 1988 (One-shot), dt. Carlsen 1990, Panini 2008


„All it takes is one bad day to reduce the sanest man alive to lunacy. That’s how far the world is from where I am. Just one bad day.“

Manchmal wird man verrückt, nur weil man mal einen schlechten Tag hatte. Auf diese Formel bringt der Joker seine Botschaft in dieser Story. Er will das demonstrieren, indem er versucht, James Gordon in den Wahnsinn zu treiben: Zunächst verkrüppelt er dessen Tochter Barbara (Batgirl), dann entführt er den Vater und beschert ihm eine Höllenfahrt durch eine Geisterbahn. Nebenbei erfaren wir in Rückblenden, wie aus einem arbeitslosen Chemielaboranten und erfolglosen Komiker der Joker wurde – inklusive Red Hood und Säurebad. Für Batman beginnt die Geschichte mit der Erkennis, dass sein Verhältnis zum Joker nur mit dem Tod eines der beiden enden kann. Am Ende jedoch – und das ist schauderhaft – lachen sie zusammen.

The Killing Joke wurde viel gerühmt und gilt als eine der besten Batman-Stories. Ich frage mich, warum. Zugegeben: Alan Moore (Watchmen, V wie Vendetta) weiß, wie man eine Geschichte erzählt, und er macht das ohne Frage sehr einfühlsam. Die detailreichen Zeichnungen von Brian Bolland, von klarem Strich und ausdrucksstark, tragen dazu bei. Doch aus heutiger Sicht ist die Psychologisierung des Jokers und die Erzählung seiner Vorgeschichte nicht mehr zeitgemäß. Denn für die Personifikation der Anarchie ist es am besten, wenn sie ebenso aus dem Nichts kommt wie ihre Motive. Christopher Nolan hat das verstanden und perfekt in seinem Film The Dark Knight realisiert. The Killing Joke erscheint aus dieser Perspektive wie ein Schritt zurück.

Interessant ist das offene Ende: Unter Fans ist umstritten, ob Batman den Joker am Ende tötet. Batman ergreift ihn und lacht über dessen Witz. Aber da die Story in der Continuity angesiedelt ist, ist es unwahrscheinlich, dass Batman seine oberste Regel bricht – vor allem, weil der Joker danach bekanntlich weiterlebt.

(Hinweis: Der Artikel wurde aktualisiert und überarbeitet.)

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